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Ich bin sicher, dass während der ungefähr hunderttausend Jahre, die unsere Spezies schon existiert, und sogar vorher, unsere Vorfahren zum Nachthimmel aufgeschaut haben und sich gewundert haben, was Sterne wohl sein mögen. Sich gewundert haben, demzufolge, wie wohl, was sie sahen, zu erklären wäre mittels unsichtbarer Mächte.
Okay, also die meisten Leute haben sich wohl nur gelegentlich diese Fragen gestellt, so wie heute, in den Pausen zwischen all dem, was sie üblicherweise beschäftigte. Aber was sie üblicherweise beschäftigte, umfasste eben auch das Verlangen zu wissen. Sie wünschten zu wissen, wie sie ihre Nahrungsversorgung vor Ausfällen schützen konnten, und wie sie ausruhen konnten, wenn sie müde waren, ohne den Hungertod zu riskieren, es wärmer, kühler oder sicherer zu haben, weniger Schmerz zu leiden. Ich wette, diese prähistorischen Höhlenkünstler hätten nur zu gerne gewusst, wie man besser zeichnet.
In jedem Bereich ihres Lebens sehnten sie sich nach Fortschritt, so wie wir. Aber sie schafften es beinahe gar nicht, irgendwelche Fortschritte zu machen. Sie wussten nicht, wie. Entdeckungen wie Feuer sind so selten, dass aus dem Blickwinkel eines Einzelnen die Welt nie besser wurde. Man lernte nichts Neues.
Der erste Hinweis auf den Ursprung des Sternenlichts wurde erst 1899 gefunden: Radioaktivität. Binnen 40 Jahren deckten Physiker die gesamte Erklärung dafür auf, wie üblich dargestellt in eleganten Zeichen. Aber achten Sie nicht auf die Zeichen. Bedenken Sie, für wie viele Entdeckungen sie stehen. Kerne und Kernreaktionen, selbstverständlich. Aber auch Isotope, elektrisch geladene Teilchen, Antimaterie, Neutrinos, die Umwandlung von Masse in Energie -- das ist E=mc^2 -- Gammastrahlung, Transmutation. Dieser uralte Traum, der sich den Alchemisten stets entzogen hatte, wurde durch genau dieselben Theorien verwirklicht, die auch das Sternenlicht und andere uralte Rätsel erklärten, sowie neue, unerwartete Erscheinungen.
Dass all dies, was in 40 Jahren entdeckt wurde, in den vorherigen hunderttausend Jahren nicht entdeckt worden war, liegt nicht an zu wenig Nachdenken über Sterne, und all die anderen drängenden Probleme, die sie hatten. Sie fanden sogar Antworten, so wie Mythen, die ihr Leben beherrschten, aber fast gar keine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit hatten. Die Tragödie dieses langanhaltenden Stillstands wird nicht ausreichend gewürdigt, finde ich. Es waren Leute mit Gehirnen von im wesentlichen der selben Bauart, die schließlich all diese Dinge entdeckt haben. Aber dessen Fähigkeit, Fortschritt zu machen, lag lange fast gänzlich brach. Bis zu dem Augenblick, der die "conditio humana" auf den Kopf stellte und das Universum veränderte.
Oder so ist zu hoffen. Denn dieses Ereignis war die wissenschaftliche Revolution, seit der unser Wissen von der physischen Welt, und wie wir sie unseren Bedürfnissen anpassen können, unerbittlich im Wachsen begriffen ist. Und was hatte sich verändert? Was machten die Menschen jetzt zu ersten Mal, das den Unterschied ausmachte zwischen Verharren und rasch weiter fortschreitenden Entdeckungen? Was diesen Unterschied ausmacht, ist mit Sicherheit die allerwichtigste allgemeingültige Wahrheit, die es zu wissen gibt. Beunruhigenderweise herrscht kein Konsens darüber, was genau sie ist. Also werde ich es Ihnen sagen. Dazu muss ich aber zunächst etwas weiter ausholen.
Vor der wissenschaftlichen Revolution glaubte man, dass alles Wichtige und Erkennbare bereits bekannt ist, aufbewahrt in uralten Aufzeichnungen, Institutionen und in einigen wirklich nützlichen Daumenregeln -- die allerdings in das Gewand von Dogmen gekleidet waren, zusammen mit zahlreichen Unwahrheiten. Es wurde also geglaubt, dass Wissen von den Obrigkeiten her komme, die tatsächlich nur sehr wenig wussten. Und daher hing Fortschritt davon ab, dass man lernte, die Autorität gelehrter Männer zu verwerfen, von Priestern, den Traditionen und Herrschern. Weshalb die wissenschaftliche Revolution einen breiteren Kontext brauchte:
Die Aufklärung, eine Revolution der Suche des Menschen nach Wissen, eine Suche, ohne sich auf die Obrigkeit zu verlassen. "Glaube nicht Worten." Aber das kann nicht den Unterschied ausgemacht haben. Obrigkeiten wurden früher schon verworfen, viele Male. Und dies hat selten, wenn überhaupt, so etwas wie eine wissenschaftliche Revolution verursacht. Damals dachte man, was Wissenschaft auszeichnete, sei eine radikale Vorstellung über die unsichtbaren Dinge, die man als Empirizismus kennt: "Alles Wissen rührt von den Sinneswahrnehmungen her." Nun ja, wir haben gesehen, dass das nicht stimmen kann. Es war eine hilfreiche Annahme, indem sie Beobachtung und Experiment befördert hat. Aber schon von Anfang an war offensichtlich, dass etwas daran entsetzlich falsch ist.
"Wissen rührt von den Sinneswahrnehmungen her." In welcher Sprache? Sicher nicht der Sprache der Mathematik, in der, wie Galileo zu Recht gesagt hat, das Buch der Natur gschrieben ist. Schauen Sie die Welt an. Sie sehen keine Gleichungen in Berghänge eingemeißelt. Und wenn, dann, weil Menschen sie gemeißelt haben. Übrigens, warum machen wir das nicht? Was stimmt nicht mit uns? (Lachen)
Empirizismus reicht nicht aus, weil, nun ja, wissenschaftliche Theorien das Sichtbare mit Begriffen aus dem Reich des Unsichtbaren erklären. Und das Unsichtbare, das müssen Sie zugeben, erfahren wir nicht mittels unserer Sinne. Wir sehen nicht die Kernreaktionen in Sternen. Wir sehen nicht den Ursprung der Arten. Wir sehen nicht die Krümmung der Raum-Zeit, und auch keine anderen Universen. Aber wir wissen über diese Dinge Bescheid. Wie?
Nun ja, die klassische empirische Antwort ist die Induktion. Das Unsichtbare gleicht dem Sichtbaren. Aber dem ist nicht so. Wissen Sie, was der abschließende Beweis für die Krümmung der Raum-Zeit war? Es war eine Fotografie, nicht der Raum-Zeit, sondern einer Sonnenfinsternis, auf der ein Fleck eher hier als dort zu finden war. Und der Beweis für die Evolution? Ein paar Steine und ein paar Finken. Und Paralleluniversen? Wieder: Flecken da, und nicht dort, auf einem Bildschirm. Was wir sehen, stimmt in all diesen Fällen nicht mit der Wirklichkeit überein, die wir schließlich als ursächlich annehmen -- nur eine lange Kette theoretischer Überlegung und Interpretation verbindet sie.
"Ah!", sagen die Kreationisten, "Du gibst also zu, dass alles nur Interpretation ist. Keiner hat je die Evolution gesehen. Wir sehen Steine. Du hast deine Interpretation. Wir haben unsere. Deine beruht auf Vermutungen; unsere auf der Bibel." Was aber sowohl Kreationisten wie auch Empiriker verkennen, ist, dass - in diesem Sinne - auch keiner je eine Bibel gesehen hat, dass das Auge lediglich Licht erfasst, das wir nicht wahrnehmen. Gehirne erfassen lediglich Nervenreize. Und sie nehmen nicht einmal diese als das wahr, was sie wirklich sind, nämlich elektrische Entladungen. Wir nehmen also nichts als das wahr, was es wirklich ist.
Unsere Verbindung zur Wirklichkeit ist niemals nur die Wahrnehmung. Sie ist immer, wie Karl Popper es ausdrückte, Theorie-befrachtet. Wissenschaftliches Wissen ist nicht von irgendetwas abgeleitet. Es ist, wie alles Wissen, auf Vermutungen und Annahmen gestützt, die durch Beobachtungen überprüft werden, nicht aus ihnen abgeleitet. Waren also überprüfbare Vermutungen die große Erneuerung, die die Tore des Gefängnisses des Verstandes aufgestoßen haben? Nein. Im Gegensatz zu dem, was üblicherweise gesagt wird, gilt Überprüfbarkeit im allgemeinen auch für Mythen und alle anderen irrationalen Denkweisen. Jeder Durchgeknallte, der behauptet, dass die Sonne nächsten Donnerstag erlöschen wird, hat eine überprüfbare Vorhersage.
Betrachten Sie den alten griechischen Mythos, der die Jahreszeiten erklärt. Hades, der Gott der Unterwelt, entführt Persephone, die Göttin des Frühjahrs, verhandelt einen Zwangs-Ehe-Vertrag, der ihr auferlegt, regelmäßig zurückzukehren, und lässt sie dann gehen. Und jedes Jahr ist sie auf magische Weise gezwungen, zurückzukehren. Und ihre Mutter, Demeter, die Göttin der Erde, ist traurig und lässt es kalt und öde werden. Dieser Mythos ist überprüfbar. Wenn der Winter von Demeters Traurigkeit verursacht wird, dann muss er überall gleichzeitig auf der Erde stattfinden. Wenn die alten Griechen nur gewusst hätten, dass es in Australien am wärmsten ist, wenn Demeter am traurigsten ist, hätten sie gewusst, dass ihre Theorie unwahr ist.
Was war also falsch an dem Mythos, und an allem vorwissenschaftlichen Denken, und was also machte dann den entscheidenden Unterschied? Ich glaube, es gibt eine Sache, auf die man achten muss. Und dies schließt Überprüfbarkeit, die wissenschaftliche Methode, die Aufklärung und alles andere ein. Und dies ist der entscheidende Punkt: Es gibt so etwas wie eine fehlkonstruierte Geschichte. Damit meine ich keine logischen Fehler. Ich meine eine schlechte Erklärung. Was soll das sein? Nun ja, eine Erklärung ist eine Feststellung über etwas, dessen unsichtbare Gegenwart verantwortlich ist für das, was wir sehen.
Denn die erklärende Rolle von Persephones Ehevertrag könnte genauso gut von unendlich vielen anderen spontan beschworenen Gebilden gespielt werden. Warum ein Ehevertrag und kein anderer Grund für regelmäßiges jährliches Handeln? Hier ist einer. Persephone wurde nicht freigelassen. Sie entfloh und kehrt jeden Frühling zurück, um Rache an Hades zu nehmen, mit Hilfe ihrer Frühlingsmächte. Sie kühlt sein Reich mit Frühlingsluft ab und bläst Hitze hinauf an die Oberfläche und bringt so den Sommer. Das berücksichtigt dieselben Erscheinungen wie der ursprüngliche Mythos. Das ist gleichermaßen überprüfbar. Aber was es über die Wirklichkeit feststellt, ist in vieler Hinsicht das Gegenteil. Und das ist möglich, weil die Einzelheiten des ursprünglichen Mythos keinen Bezug zu den Jahreszeiten haben, abgesehen vom Mythos selbst.
Diese Austauschbarkeit ist das Anzeichen einer schlechten Erklärung. Denn ohne einen zweckmäßigen Grund, eine der zahllosen Varianten zu bevorzugen, ist das Verfechten einer zu Lasten aller anderen unvernünftig. Also gilt es, um das Wesentliche dessen zu erhalten, was hauptsächlich den Fortschritt ermöglicht, nach guten Erklärungen zu suchen, nach solchen, die nicht einfach abzuändern sind, ohne ihre Erklärungsmacht zu verlieren.
Unsere gegenwärtige Erklärung für die Jahreszeiten ist, dass die Erdachse ungefähr so geneigt ist, so dass jede Hemisphäre für jeweils ein halbes Jahre der Sonne zugewandt ist und für die andere Hälfte abgewandt. Sicherheitshalber... [Folie: Nicht maßstabsgerecht] (Lachen) Das ist eine gute Erklärung: Nicht einfach abzuändern, weil jedes Detail einen bestimmten Zweck erfüllt. Zum Beispiel wissen wir, unabhängig von den Jahreszeiten, dass Oberflächen, die schräg zu einer Wärmestrahlungsquelle stehen, sich weniger aufheizen, und dass eine rotierende Kugel im Raum immer in die gleiche Richtung zeigt. Und die Neigung erklärt auch die Sonnenhöhe an unterschiedlichen Punkten im Jahreslauf und sagt vorher, dass die Jahreszeiten auf den beiden Hemisphären gegenphasig auftreten werden. Wären sie gleichphasig beobachtet worden, hätte das die Theorie widerlegt. Aber hierin, in dem Umstand, dass es auch eine gute Erklärung ist, nicht einfach abzuändern, liegt der wesentliche Unterschied.
Hätten die alten Griechen Kenntnis von den Jahreszeiten in Australien erlangt, hätten sie leicht ihren Mythos abändern können, um ebendies vorherzusagen. Zum Beispiel verbannt Demeter, wenn sie verärgert ist, die Wärme aus ihrer näheren Umgebung, in die andere Hemisphäre, wo sie den Sommer bringt. Durch Beobachtung eines Fehlers überführt zu werden und die Theorie entsprechend anzupassen, hätte also die alten Griechen dem Verstehen der Jahreszeiten keinen Deut näher gebracht, weil ihre Erklärung schlecht war: leicht abzuändern. Und nur wenn eine Erklärung gut ist, ist es auch wichtig, dass man sie überprüfen kann. Wenn die Theorie der geneigte Achse widerlegt worden wäre, hätten ihre Anhänger keine Rückzugsmöglichkeit gehabt. Keine leicht vorzunehmende Veränderung könnte diese Neigung zum gleichzeitigen Verursacher der selben Jahreszeit in beiden Hemisphären machen.
Die Suche nach Erklärungen, die nicht leicht abzuändern sind, ist der Ausgangspunkt allen Fortschritts. Es ist das grundlegende steuernde Prinzip der Aufklärung. In der Wissenschaft vereiteln also zwei falsche Herangehensweisen den Fortschritt. Eine ist wohlbekannt: Unüberprüfbare Theorien. Gravierender sind aber Theorien, die nichts erklären. Wann immer man Ihnen sagt, dass irgendein statistischer Trend sich fortsetzen wird, Ihnen aber keine nur schwer abzuändernden Annahmen über die Gründe für den Trend geliefert werden, will man Ihnen weismachen, ein Zauberer wäre schuld.
Sagt man Ihnen, dass Karotten Menschenrechte zustehen, weil sie die Hälfte unserer Gene besitzen -- lässt aber offen, wie Gene und Rechte zusammenhängen können -- Zauberer. Wenn jemand verkündet, dass die Veranlagung-Umwelt-Debatte entschieden sei, weil es Beweise gibt, dass ein fester Prozentsatz unserer politischen Meinungen genetisch ererbt sei, aber nicht erklärt wird, wie Gene Meinungen verursachen, ist gar nichts entschieden. Dann behaupten sie, dass unsere Meinungen von Zauberhand gemacht sind und vermutlich gilt das für deren eigene auch. Dass die Wahrheit aus schwer veränderbaren Aussagen über die Wirklichkeit besteht, ist die wichtigste Tatsache an der physischen Welt. Es ist eine Tatsache, die man nicht sehen kann, aber auch nicht verändern. Vielen Dank. (Applaus)
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Zehntausende von Jahren lang haben sich unsere Vorfahren die Welt durch Mythen zu erklären versucht und Veränderungen konnten nur sehr langsam Fuß fassen. Mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Methode veränderte sich die Welt binnen weniger Jahrhunderte. Warum? Der Physiker David Deutsch wagt einen feinsinnigen Antwortversuch.
David Deutsch's 1997 book The Fabric of Reality laid the groundwork for an all-encompassing Theory of Everything, and galvanized interest in the idea of a quantum computer, which could solve problems of hitherto unimaginable complexity. Full bio »
Translated into German by Matthias Daues
Reviewed by Judith Matz
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19:00 Posted: Sep 2006
Views 546,429 | Comments 169
21:56 Posted: Sep 2006
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