Ich bin Dirigent und heute bin ich hier, um über Vertrauen zu sprechen. Mein Job hängt davon ab. Zwischen mir und dem Orchester muss es ein unerschütterliches Band des Vertrauens geben, aus dem gegenseitigen Respekt heraus, aus dem wir eine musikalische Geschichte weben können, an die wir alle glauben.
Früher ging es beim Dirigieren und beim Musizieren weniger um Vertrauen und, ehrlich gesagt, mehr um Nötigung. Bis in die Jahre um den Zweiten Weltkrieg herum waren Dirigenten ausnahmslos Diktatoren – tyrannische Figuren, die nicht mit dem ganzen Orchester, sondern mit Einzelnen darin übten innerhalb eines kleinen Teils ihres Lebens. Aber zum Glück hat sich die Welt weiterentwickelt und die Musik mit ihr. Wir haben nun eine demokratischere Art und Sicht aufs Musizieren – eine Zweiweg-Strasse. Ich als Dirigent muss mit einem unumstösslichen Sinn für die äussere Architektur dieser Musik zur Probe kommen, innerhalb derer es dann für die Mitglieder des Orchesters eine immense persönliche Freiheit gibt, zu strahlen.
Ich selber muss natürlich vollkommen auf meine Körpersprache vertrauen. Das ist alles, was ich am Verkaufspunkt zu bieten habe. Stille Gebärden. Ich kann ja nicht mit Anweisungen herumschreien, während sie spielen.
Meine Damen und Herren, das Scottish Ensemble.
Und damit das alles funktionieren kann, muss ich mich offensichtlich in einer Vertrauensposition befinden. Ich muss dem Orchester vertrauen, und, noch viel wichtiger, ich muss mir selbst vertrauen. Denken Sie darüber nach: Wenn man nicht vertraut, was tut man dann? Man überkompensiert. Und in meinem Spiel heisst das, man übergestikuliert. Man wird zu einer Art tollwütiger Windmühle. Und je grösser die Gestik wird, desto unklarer, verwischt und ehrlich gesagt, desto nutzloser ist sie für das Orchester. Man wird zu einer Witzfigur. Es gibt kein Vertrauen mehr, nur Hohn.
Ich erinnere mich, zu Beginn meiner Karriere, wurde ich bei diesen miserablen Ausflügen mit dem Orchester zum einem komplett Verrückten auf diesem Podium bei dem Versuch, nur ein kleines Crescendo zu erzeugen, nur ein kleines bisschen mehr Lautstärke. Aber verflixt, sie gaben es mir nicht. In diesen frühen Jahren habe ich viel Zeit still weinend in Künstlergarderoben verbracht. Und die Ratschläge des grossartigen, erfahrenen Dirigenten Sir Colin Davis kamen mir sinnlos vor, er sagte, "Charles, das Dirigieren ist so, also ob Du einen kleinen Vogel in Deiner Hand hieltest. Wenn Du ihn zu fest hältst, wird er zerquetscht. Wenn Du ihn zu locker hältst, fliegt er weg." Ich muss sagen, damals konnte ich den Vogel nicht einmal finden, wirklich.
Eine ganz grundlegende und eine intuitiv wichtige Erfahrung für mich, was die Musik angeht, waren meine Abenteuer in Südafrika, das schwindelerregendste musikalische Land auf der Welt, aus meiner Sicht, aber ein Land, das mich durch seine musikalische Kultur eine fundamentale Lektion gelehrt hat: dass man durch Musizieren ein sehr tiefes, lebenserhaltendes Vertrauen erlangen kann. Im Jahr 2000 hatte ich die Chance, nach Südafrika zu gehen, um ein neues Opernensemble zu formieren. Also ging ich dahin und liess vorspielen, vorallem in ländlichen Townships, überall im Land. Ich hörte etwa 2000 Sängerinnen und Sänger und aus den 40 unglaublichsten jungen Künstlern stellte ich eine Truppe zusammen; die meisten von ihnen waren schwarz, aber es gab eine Handvoll weisser Künstler.
Früh in der ersten Probephase stellte sich heraus, dass einer dieser weissen Künstler in seiner früheren Inkarnation ein Mitglied des Südafrikanischen Polizeidienstes gewesen war. Und in den letzten Jahren des alten Regimes, wurde ihm routinemässig aufgetragen, in die Township zu gehen und die Gemeinschaft anzugreifen. Sie können sich vorstellen, was dieses Wissen mit der Raumtemperatur anstellte, mit der Grundatmosphäre. Wir sollten uns keine Illusionen machen. Die Beziehung in Südafrika, der es am meisten an Vertrauen mangelt, ist die zwischen einem weissen Polizisten und der schwarzen Gesellschaft. Wie erholen wir uns davon, meine Damen und Herren? Einfach durch Singen. Wir sangen, wir sangen, wir sangen, und verblüffenderweise wuchs neues Vertrauen und eine Freundschaft entstand. Das zeigte mir eine ganz grundlegende Wahrheit, nämlich, dass Musik und andere Formen von Kreativität uns häufig zu Orten führen könnnen, wo blosse Worte nicht hinkommen.
Wir stellten einige Vorstellungen auf die Beine, wir gingen international auf Tour. Eine davon war "Carmen". Wir dachten dann, wir würden aus "Carmen" einen Film machen, den wir draussen vor Ort aufnahmen, in der Township ausserhalb von Kapstadt namens Khayelitsha. Das Stück wurde vollständig in Xhosa gesungen, eine wundervoll musikalische Sprache, wenn man sie nicht kennt. Es heisst "U-Carmen e-Khayelitsha" – wörtlich "Carmen aus Khayelitsha". Ich möchte Ihnen einen winzigen Clip daraus vorspielen, um Ihnen einen positiven Beweis dafür zu geben, dass südafrikanisches Musizieren nichts winziges an sich hat.
Was ich unglaublich hinreissend finde an südafrikanischem Medizieren ist, dass es so frei ist. Südafrikaner musizieren einfach sehr frei. Und ich denke, nicht in geringem Masse kommt das von einer grundlegenden Tatsache: Sie sind nicht an Stellenwerte gebunden. Sie lesen die Musik nicht. Sie vertrauen ihren Ohren. Man kann einer Truppe Südafrikaner in fünf Sekunden eine Melodie beibringen. Und dann, wie durch Magie, werden sie spontan eine Menge Harmonien zu dieser Melodie improvisieren, weil sie das können. Jene von uns, die im Westen leben, wenn ich das so sagen kann, haben, wie ich denke, eine viel engstirnigere Einstellung zur Musik – dass es sich alles um Können und Systeme dreht. Aus diesem Grund sei es ein exklusives Vorrecht eines elitären, talentierten Körpers. Und dennoch beschäftigt sich jeder einzelne von uns auf diesem Planeten wahrscheinlich täglich mit Musik.
Wenn ich das für einen Moment ausbreiten darf, ich will gerne wetten, dass jeder von Ihnen, der in diesem Raum sitzt, sehr gerne mit scharfem Geist und Zuversicht über Filme spräche, wahrscheinlich über Literatur. Aber wieviele von Ihnen könnten eine vertrauensvolle Aussage über ein klassisches Musikstück machen? Warum ist das so? Was ich Ihnen jetzt sagen werde, ist, ich dränge Sie, über diesen absoluten Mangel an Selbstvertrauen wegzukommen, einzutauchen, daran zu glauben, dass Sie Ihren Ohren vertrauen können, Sie können einiges des grundlegenden Muskelgewebes hören, der Fasern, der DNA, die ein grossartiges Musikstück so grossartig machen. Ich möchte mit Ihnen ein kleines Experiment ausprobieren.
Wussten Sie, dass TED eine Melodie ist? Eine sehr einfache Melodie aus drei Noten – T, E, D. Warten Sie eine Minute. Ich weiss, Sie werden mir sagen, "T gibt es in der Musik nicht." Nun, meine Damen und Herren, es gibt ein altehrwürdiges System, das Komponisten seit Hunderten von Jahren verwendet haben und es beweist, dass es das doch gibt. Wenn Sie eine Tonleiter singen: A, B, C, D, E, F, G – und ich gehe einfach mit den Buchstaben des Alphabets weiter, die selbe Leiter: H, I, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T – da haben Sie's. T, es ist dasselbe wie F in der Musik. T ist also ein F. Also ist T, E, D dasselbe wie F, E, D. In dem Musikstück, das wir zu Beginn des Vortrags gespielt haben, wird im Innern ein Thema bewahrt, und das ist TED. Hören Sie mal.
Haben Sie es gehört? Oder rieche ich Zweifel im Raum? Okay, wir spielen es nochmals für Sie, und wir werden das T, E, D hervorheben, es herausstrecken. Verzeihen Sie den Ausdruck.
Ach Du meine Güte, da war es laut und deutlich, sicher. Ich denke, wir sollten es noch eindeutiger machen. Meine Damen und Herren, es ist bald Teezeit. Rechnen Sie damit, dass Sie für Ihren Tee singen müssen? Ich denke, wir müssen für unseren Tee singen. Wir werden diese drei wundervollen Noten singen: T, E, D. Machen Sie einen Versuch für mich?
Charles Hazlewood: Ja, sie klingen eher ein wenig wie Kühe als wie Menschen. Wollen wir das nochmals versuchen? Und sehen Sie, wenn Sie abenteuerlich sind, gehen Sie eine Oktave höher. T, E, D.
CH: Noch einmal mit Elan. (Publikum: T, E, D.)
Hier stehe ich wieder wie eine verflixte WIndmühle, sehen Sie. Jetzt werden wir das in den musikalischen Kontext stellen. Die Musik wird beginnen, und auf mein Signal werden Sie das singen. (Musik) Noch einmal, mit Gefühl, meine Damen und Herren. Sie werden den Schlüssel sonst nicht finden. Gut gemacht, meine Damen und Herren. Das war kein schlechtes Debut für den TED-Chor, überhaupt kein schlechtes Debut.
Es gibt da ein Projekt, das ich momentan initiiere, ich bin sehr aufgeregt deswegen und wollte es mit Ihnen teilen, denn es geht darum, Wahrnehmungsmuster zu verändern, und tatsächlich auch eine neue Ebene von Vertrauen aufzubauen. Das jüngste meiner Kinder wurde mit einer zerebralen Lähmung geboren, und wie Sie sich vorstellen können, falls Sie selber keine Erfahrung mit sowas haben, ist das eine ziemlich grosse Sache, mit der man fertig werden muss. Aber das Geschenk, das meine wundervolle Tochter mir gegeben hat, nebst ihrer blossen Existenz, ist, dass es meine Augen für ein ganzes Stück der Gemeinschaft geöffnet hat, die mir bis dahin verborgen gewesen war, die Gemeinschaft behinderter Menschen. Ich sah mir plötzlich die Paralympics an und dachte, wie unglaublich, wie Technologie verwendet worden war, um ohne Zweifel zu beweisen, dass eine Behinderung keine Begrenzung ist, die höchsten Ebenen sportlicher Leistung zu erreichen. Natürlich hat diese Wahrheit eine grimmigere Seite, nämlich dass es tatsächlich Jahrzehnte gedauert hat, bis die Welt in grösserem Rahmen in diese Position des Vertrauens gelangte, wirklich zu glauben, dass Behinderung und Sport zusamme auf überzeugende und interessante Weise funktionieren.
Also fragte ich mich: Wo steht die Musik in dieser Hinsicht? Sie können mir nicht sagen, dass es nicht Millionen von behinderten Menschen gibt, alleine im Vereinigten Königreich, mit massivem musikalischen Potential. Also entschied ich mich, eine Plattform für dieses Potential zu schaffen. Es wird das erste nationale Behindertenorchester von Grossbritannien sein. Es heisst Paraorchester.
Ich zeige Ihnen jetzt einen Filmausschnitt von unserer allerersten Improvisationsprobe. Es war wirklich ein aussergewöhnlicher Moment. Nur ich und vier erstaunlich begabte behinderte Musikre. Normalerweise, wenn man imporivisert – und ich tue das ständig rund um die Welt – gibt es eine anfängliche Zeit des Horrors, also ob jeder sich zu sehr fürchtet, seinen Hut in den Ring zu werfen, eine fürchterlich schwangere Stille. Dann plötzlich, wie durch Magie, peng! Wir sind alle drin und es ist ein komplettes Durcheinander. Man hört gar nichts. Niemand hört aufeinander. Niemand vertraut dem anderen. Niemand antwortet auf den anderen. Aber in diesem Raum mit diesen vier behinderten Musikern entstand innerhalb von fünf Minuten ein andächtiges Zuhören, ein verzücktes Antworten und wirklich wahnsinnig schöne Musik.
Nicholas: Mein Name ist Nicholas McCarthy. Ich bin 22 Jahre alt und ich bin ein linkshändiger Pianist. Ich wurde ohne meine linke – ohne meine rechte Hand geboren. Kann ich nochmals anfangen?
Lyn: Wenn ich musiziere, fühle ich mich wie eine Pilotin im Cockpit, die ein Flugzeug fliegt. Ich werde lebendig.
Clarence: Ich würde lieber wieder ein Instrument spielen können, als laufen. Es entsteht soviel Freude und andere Dinge, aus dem Spielen eines Instruments und dem Vorspielen. Das hat einen Teil meiner Lähmung beseitigt.
CH: Ich wünschte, einige dieser Musiker wären heute hier bei uns, Sie könnten aus erster Hand sehen, wie unglaublich aussergewöhnlich sie sind. Paraorchester ist der Name dieses Projekts. Wenn jemand von Ihnen mir irgendwie dabei helfen möchte, das zu erreichen, was im Moment immer noch ein unmöglicher und unwahrscheinlicher Traum ist, lassen Sie es mich bitte wissen. Nun, zum Abschied noch etwas mit freundlicher Genehmigung des grossartigen Joseph Haydn, des wundervollen österreichischen Komponisten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, er verbrachte den Grossteil seines Lebens als Angestellter von Prinz Nikolaus Esterházy, gemeinsam mit seinem Orchester. Der Prinz liebte seine Musik, aber er liebte auch das Landschloss, in dem er die meiste Zeit residierte, es befindet sich genau an der österreichisch-ungarischen Grenze, an einem Ort namens Esterházy – weit weg von der grossen Stadt Wien.
Eines Tages im Jahr 1772 – verordnete der Prinz, dass die Familien der Musiker, die Familien der Orchestermusiker, im Schloss nicht länger willkommen seien. Es war ihnen nicht mehr erlaubt, sich dort aufzuhalten, sie wurden zurückgeschickt nach Wein – wie ich sagte, eine unmögliche Distanz in jener Zeit. Sie können sich vorstellen, dass die Musiker untröstlich waren. Haydn protestierte beim Prinzen, aber ohne Erfolg. Nun, da der Prinz seine Musik liebte, dachte Haydn, er schriebe eine Symphonie für sein Argument.
Und wir werden jetzt das letzte Stück dieser Symphonie für Sie spielen. Sie werden das Orchester in einer Art mürrischer Revolte sehen. Ich bin erfreut, Ihnen zu sagen, dass der Prinz den Tipp aus der Orchesteraufführung befolgte, und die Musiker wieder mit Ihnen Familien vereint wurden. Aber ich denke, das fasst meinen Vortrag ganz gut zusammen, dass, wo es Vertrauen gibt, es auch Musik gibt – und damit auch Leben. Wo es kein Vertrauen gibt, wird die Musik einfach verwelken.
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Dirigent Charles Hazlewood spricht über die Rolle des Vertrauens in der musikalischen Führung – und zeigt dann, wie es funktioniert, indem er das Scottish Ensemble auf der Bühne dirigiert. Er zeigt auch Videos von zwei musikalischen Projekten, der Oper "U-Carmen eKhayelitsha" und dem ParaOrchester.
Charles Hazlewood dusts off and invigorates classical music, adding a youthful energy and modern twists to centuries-old masterworks. At TEDGlobal, he conducts the Scottish Ensemble. Full bio »
Translated into German by Karin Friedli
Reviewed by Alex Boos
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20:43 Posted: Jun 2008
Views 3,632,618 | Comments 492
20:51 Posted: Oct 2009
Views 1,121,895 | Comments 175
20:41 Posted: Apr 2008
Views 290,752 | Comments 79
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