Dies ist wirklich eine außerordentliche Ehre für mich. Ich verbringe den Großteil meiner Zeit mit Menschen in Untersuchungshaft, Gefängnissen oder Todeszellen. Ich verbringe den Großteil meiner Zeit mit den sozial Schwächsten in den Sozialbausiedlungen und an Orten, an denen es sehr viel Hoffnungslosigkeit gibt. Hier bei TED zu sein, zu sehen und zu hören, wie stimulierend das ist, hat mir sehr viel Kraft gegeben. In der kurzen Zeit hier wurde mir eines klar: TED hat eine Identität. Man kann hier Dinge sagen, die weltweit Einfluss haben. Und manchmal, wenn etwas über TED kommt, bekommt es eine Bedeutung und Kraft, die es sonst nicht hätte.
Ich sage das, weil ich glaube, dass Identität sehr wichtig ist. Wir haben einige fantastische Präsentationen gesehen. Ich glaube, dass wir gelernt haben, dass die Worte eines Lehrers Bedeutung haben, aber das die Worte eines engagierten Lehrers besonders bedeutungsvoll sind. Als Arzt kann man Gutes tun. Als fürsorglicher Arzt aber kann man noch mehr tun. Und deshalb möchte ich über die Macht der Identität sprechen. Ich habe das übrigens nicht in meiner Arbeit als Anwalt gelernt. Ich habe das von meiner Großmutter gelernt.
Ich wurde groß in einer Familie, einem traditionellen afroamerikanischen Haushalt, der von einer Matriarchin dominiert wurde, und diese Matriarchin war meine Großmutter. Sie war eine taffe, starke Frau, sie hatte Wirkung. Sie hatte das letzte Wort in jedem Familienstreit. Sie war auch der Ausgangspunkt vieler Streitigkeiten in unserer Familie. Sie war die Tochter einer Sklavenfamilie. Ihre Eltern wurden in den 1840ern in Virginia als Sklaven geboren. Sie wurde um 1880 geboren und die Erfahrung der Sklaverei formte ihr Weltbild sehr stark.
Meine Großmutter war stark, aber sie war auch liebevoll. Wenn ich sie als kleiner Junge traf, kam sie auf mich zu und umarmte mich. Sie drückte mich so fest, dass ich kaum atmen konnte. Dann ließ sie mich los. Eine oder zwei Stunden später, wenn ich ihr begegnete, kam sie auf mich zu und sagte: »Bryan, fühlst du noch meine Umarmung?« Und wenn ich »Nein« sagte, umarmte sie mich wieder. Wenn ich »Ja« sagte, ließ sie mich in Ruhe. An ihr war etwas, das machte, dass man immer in ihrer Nähe sein wollte. Das einzige Problem dabei war, dass sie zehn Kinder hatte. Meine Mutter war das jüngste ihrer zehn Kinder. Manchmal, wenn ich Zeit mit ihr verbringen wollte, war es schwer, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Meine Cousins liefen überall herum.
Ich erinnere mich, ich muss acht oder neun gewesen sein, dass ich eines Morgens aufwachte und ins Wohnzimmer ging. Alle meine Cousins liefen herum. Meine Großmutter saß am Ende des Zimmers und starrte mich an. Zuerst dachte ich, dass das ein Spiel wäre. Ich sah sie an und lächelte, aber sie sah sehr ernst aus. Das ging so 15 oder 20 Minuten. Dann stand sie auf und kam zu mir herüber. Sie nahm mich bei der Hand und sagte: »Komm, Bryan. Du und ich, wir müssen reden.« Ich erinnere mich noch daran als ob es gestern war. Ich werde es nie vergessen.
Sie nahm mich mit nach draußen und sagte: »Bryan, ich werde dir etwas erzählen, aber du musst versprechen, dass du es nicht weitersagst.« Ich sagte: »Versprochen, Oma.« Sie sagte: »Ehrenwort?« Ich sagte: »Ja.« Sie setzte mich hin und sah mich an. Sie sagte: »Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich beobachtet habe.« Sie sagte: »Ich glaube, du bist etwas Besonderes.« Sie sagte: »Ich glaube, du kannst alles tun, was du tun willst.« Ich werde das nie vergessen.
Dann sagte sie: »Du musst mir nur drei Dinge versprechen, Bryan.« Ich sagte: »OK, Oma.« Sie sagte: »Als erstes versprich mir, dass du deine Mama immer lieben wirst.« Sie sagte: »Deine Mama ist mein Baby und du musst mit versprechen, dass du dich immer um sie kümmern wirst.« Ich verehrte meine Mutter, also sagte ich: »Ja, Oma, das werde ich tun.« Dann sagte sie: »Als Nächstes versprich mir, dass du immer das Richtige tun wirst.« auch wenn es schwer fällt, das Richtige zu tun.« Ich dachte nach und sagte: »Ja, Oma. Ich verspreche es.« Schließlich sagte sie: »Das Letzte, was du mir versprechen musst, ist« dass du niemals Alkohol trinken wirst.« (Gelächter.) Nun, ich war neun Jahre alt und so sagte ich: »Ja, Oma. Ich verspreche es.«
Ich wuchs auf dem Land auf, im alten, ländlichen Süden und ich habe einen Bruder, der ein Jahr älter ist und eine ein Jahr jüngere Schwester. Als ich etwa 14 oder 15 war, kam eines Tages mein Bruder nach Hause und brachte dieses Sixpack Bier mit (ich weiß nicht, woher er es hatte) schnappte sich meine Schwester und mich und ging mit uns in den Wald. Wir alberten dort nur so herum wie sonst auch. Dann nahm er einen Schluck Bier und bot meiner Schwester eines an, und sie nahm an, und dann boten sie mir eins an. Ich sagte: »Nein, nein, nein. Schon OK. Macht ihr nur. Ich will kein Bier.« Mein Bruder sagte: »Nun mach schon. Heute machen wir das, du machst doch auch sonst alles, was wir tun. Ich hatte was, deine Schwester hatte was. Los, trink ein Bier.« Ich sagte: »Ich will nicht. Macht ihr nur. Macht ihr nur.« Mein Bruder starrte mich an. Er sagte: »Was ist denn los mit dir? Nun trink doch was.« Dann sah er mir ins Gesicht und sagte: »Oh nein, du machst dich doch nicht immer noch verrückt wegen der Unterhaltung mit Oma?« (Gelächter) Ich sagte: »Worüber redest du?« Er sagte: »Oma erzählt allen Enkeln, dass sie was Besonderes sind.« (Gelächter) Ich war am Boden zerstört.
Ich werde Ihnen etwas gestehen. Ich sollte das vermutlich nicht tun. Das hier wird vielleicht öffentlich übertragen. Ich bin 52 Jahre alt und ich gestehe, dass ich noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken habe. (Beifall) Ich sage das nicht, weil ich ich glaube, dass es tugendhaft ist. Ich sage das, weil Identität Macht bedeutet. Wenn wir die richtige Art von Identität schaffen, können wir den Menschen um uns herum Dinge sagen, die sie zunächst nicht glauben. Wir können sie dazu bekommen, Dinge zu tun, von denen sie dachten, sie könnten es nicht. Natürlich würde meine Großmutter all ihren Enkeln sagen, sie seien etwas Besonderes. Mein Großvater war während der Prohibition im Gefängnis. Meine Onkel starben an alkoholinduzierten Krankheiten. Und sie glaubte, dass dies die Themen seien, um die wir uns kümmern müssten.
Ich habe versucht, etwas über unser Justizsystem zu sagen. Dieses Land ist anders als vor 40 Jahren. 1972 waren 300.000 Menschen in Haftanstalten und im Gefängnis. Heute sind es 2,3 Millionen. Die Vereinigten Staaten haben heute die höchste Inhaftierungsrate der Welt. Sieben Millionen Menschen sind auf Bewährung entlassen oder mit bedingter Strafaussetzung. Meiner Meinung nach haben Masseninhaftierungen unsere Welt grundlegend verändert. In sozial schwachen und schwarzen Teilen der Bevölkerung herrschen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, aufgrund dieser Veränderungen. Einer von drei männlichen Schwarzen zwischen 18 und 30 ist in Haft, im Gefängnis, auf Bewährung entlassen oder mit bedingter Strafaussetzung. In städtischen Gemeinden überall im Land – von Los Angeles über Philadelphia, Baltimore bis Washington – sind 50 bis 60 Prozent aller schwarzen jungen Männer entweder in Haft, im Gefängnis, auf Bewährung entlassen oder mit bedingter Strafaussetzung.
Unser System wird aber nicht nur geformt durch Fragen, die mit Rassenzugehörigkeit zu tun haben, es wird auch durch Armut entstellt. Wir haben in diesem Land ein Justizsystem, das Sie viel besser behandelt, wenn Sie reich und schuldig sind als arm und unschuldig. Vermögen, nicht Verschulden, beeinflusst das Ergebnis. Trotzdem scheinen wir damit ganz zufrieden zu sein. Eine Politik aus Angst und Zorn hat uns davon überzeugt, dass diese Probleme nicht unsere Probleme sind. Wir haben den Kontakt verloren.
Ich finde das interessant. Es gibt da ein paar hochinteressante Entwicklungen. Mein Heimatstaat Alabama entzieht (wie einige andere Staaten) Ihnen dauerhaft das Wahlrecht, wenn Sie strafrechtlich verurteilt werden. Hier und heute in Alabama haben 34 Prozent der männlichen schwarzen Bevölkerung dauerhaft ihr Wahlrecht verloren. Wir prognostizieren, dass in zehn Jahren die Quote der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte so hoch sein wird wie vor der Verabschiedung des Wahlrechtsgesetzes (von 1965). Das Schweigen ist ohrenbetäubend.
Ich vertrete Kinder. Viele meiner Mandanten sind sehr jung. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das einzige Land in der Welt, das dreizehnjährige Kinder zum Tod im Gefängnis verurteilt. In diesem unserem Land gibt es für Kinder lebenslängliche Haftstrafen ohne bedingte Strafaussetzung. Wir haben schon eine Menge Verfahren laufen. Das einzige Land der Welt.
Ich vertrete Menschen in Todeszellen. Die Frage der Todesstrafe ist eine interessante Frage. Wir glauben, weil man es uns so beigebracht hat, dass die wahre Frage die ist: Hat ein Mensch verdient, für ein von ihm begangenes Verbrechen zu sterben? Das ist eine sehr sensible Frage. Man kann aber auch anders darüber denken, abhängig davon, wie wir unsere Identität sehen. Die andere Sichtweise ist nicht: Hat jemand für ein Verbrechen den Tod verdient, sondern: Haben wir es verdient, zu töten? Ich finde das faszinierend.
Die Todesstrafe in Amerika definiert sich durch Irrtum. Auf neun Menschen, die wir hingerichtet haben, kommt einer, den wir für unschuldig befunden haben, der entlastet und aus der Todeszelle entlassen wurde. Eine erstaunliche Fehlerquote. Einer von neun unschuldig. Ich finde das faszinierend. Wir würden niemals jemanden mit einem Flugzeug fliegen lassen, wenn für neun Flugzeuge, die abheben, eines abstürzt. Aber irgendwie schaffen wir es, uns von diesem Problem abzunabeln. Es ist nicht unser Problem. Es ist nicht unsere Bürde. Es ist nicht unser Kampf.
Ich rede viel über diese Fragen. Ich rede über Rasse und die Frage, ob wir das Recht haben, zu töten. Und es ist spannend, weil ich meinen Schülern afroamerikanische Geschichte beibringe. Ich rede über Sklaverei. Ich rede über Terrorismus, die Zeit gegen Ende der Rekonstruktion, bis hin zum Beginn des 2. Weltkrieges. Wir wissen nicht wirklich sehr viel darüber. Aber für die Afroamerikaner in diesem Land war es eine Zeit des Terrors. In vielen Gegenden mussten Menschen Angst vor Lynchmobs haben, oder vor Bomben. Es war die Angst vor Terror, der ihr Leben formte. Diese älteren Menschen kommen jetzt zu mir und sagen: »Mr, Stevenson, Sie reden, Sie halten Vorträge. Sie sagen den Menschen, dass sie aufhören sollen zu sagen, dass wir es zum ersten Mal in der Geschichte unserer Nation mit Terrorismus zu tun haben: Nach dem 11. September.« Sie sagen: »Nein – sagen Sie den Menschen, dass wir damit aufgewachsen sind.« Und nach dem Terrorismus kamen natürlich die Rassentrennung und Jahrzehnte der rassistisch motivierten Unterwerfung und Apartheid.
Und dennoch gibt es in unserem Land eine Dynamik … Wir sprechen nicht gerne über unsere Probleme. Wir sprechen nicht gerne über unsere Geschichte. Und deshalb verstehen wir nicht wirklich, welche Bedeutung unsere Taten im historischen Kontext haben. Wir stoßen ständig aufeinander. Wir schaffen immer neue Spannungen und Konflikte. Es fällt uns schwer, über Rasse zu sprechen, und ich glaube, das liegt daran, dass wir nicht willens sind, uns dem Prozess der Wahrheit und Versöhnung zu nähern. In Südafrika haben die Menschen verstanden, dass die Rassentrennung nicht zu überwinden ist ohne die Bereitschaft zu Wahrheit und Versöhnung. Selbst nach dem Völkermord in Ruanda gab es diese Bereitschaft, aber nicht in diesem unseren Land.
Ich habe einige Vorträge in Deutschland über die Todesstrafe gehalten. Es war faszinierend, denn einer der Wissenschaftler stand nach meinem Vortrag auf und sagte: »Wissen Sie, es ist zutiefst verstörend, Sie so reden zu hören.« Er sagte: »In Deutschland gibt es keine Todesstrafe. Und natürlich kann es sie in Deutschland nie mehr geben.« Es wurde ganz still. Dann sagte eine Frau: »Mit unserer Geschichte ist es unmöglich, dass wir uns jemals wieder für das systematische Töten von Menschen aussprechen. Es wäre gewissenlos von uns, bewusst und gezielt Menschen hinzurichten.« Ich dachte darüber nach. Wie es sich anfühlen würde, in einer Welt zu leben, in der der deutsche Staat Menschen hinrichten ließ, besonders, wenn darunter unverhältnismäßig viele Juden wären. Es wäre unerträglich. Es wäre gewissenlos.
Und dennoch, hier in diesem Land, in den Staaten des alten Südens, richten wir Menschen hin – hier ist das Risiko, zum Tode verurteilt zu werden, elf Mal höher, wenn das Opfer weiß ist, als wenn es schwarz ist. 22 Mal höher, wenn der Angeklagte schwarz ist und das Opfer weiß – in denselben Bundesstaaten, in deren Erde die Körper gelynchter Menschen ruhen. Und dennoch gibt es da diese mentale Abkopplung.
Ich glaube, unsere Identität ist bedroht. Wenn wir uns nicht damit befassen, mit diesen schwierigen Themen, dann sind die positiven und wunderbaren Dingen ebenfalls betroffen. Wir lieben Innovation. Wir lieben Technologie und Kreativität. Wir lieben Unterhaltung. Aber schlussendlich werden diese Realitäten überschattet von Leid, Missbrauch, Herabsetzung, Ausgrenzung. Mir erscheint es wichtig, beides zu vereinen. Denn wir reden letztlich darüber dass wir mehr Hoffnung brauchen, mehr Engagement, mehr Hingabe, um in einer komplexen Welt bestehen zu können. Für mich bedeutet das Zeit aufzubringen, nachzudenken und zu reden über die Armen, die Benachteiligten, die, die niemals bei TED sein werden. Aber nachdenken auf eine Art und Weise, die in unser eigenes Leben integriert ist.
Wir alle müssen letzten Endes Dinge glauben, die wir nicht sehen können. Wir tun das. So rational wir auch sind, so sehr wir Intellekt schätzen. Innovation, Kreativität, und Entwicklung kommen nicht nur aus unseren Köpfen. Sie kommen aus Ideen, die angetrieben werden durch die Überzeugung in unseren Herzen. Es ist diese Kopf-Herz-Verbindung, von der ich glaube, dass sie uns antreibt, nicht nur offen zu sein für all die hellen und begeisternden Dinge, sondern auch für die dunklen und problematischen. Vaclav Havel, der große tschechische Politiker, hat einmal gesagt: »Als wir in Osteuropa gegen die Unterdrückung kämpften, wollten wir alles Mögliche. Aber was wir am meisten brauchten, war Hoffnung, eine geistige Orientierung, die Bereitschaft, manchmal an hoffnungslosen Orten zu sein, und Zeuge zu sein.«
Diese geistige Orientierung ist der Kern dessen, wovon ich glaube, dass auch die TED-Gemeinschaften sich dafür engagieren müssen. Es gibt keine Abgrenzung um Technologie und Design, die es uns erlaubt, ganz und gar menschlich zu sein, solange wir nicht auch Augen und Ohren haben für Armut, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Ich möchte Sie warnen. Diese Art von Identität fordert sehr viel mehr von uns, als wenn wir uns nicht darum kümmerten. Sie wird Sie zutiefst berühren.
Als junger Anwalt hatt ich das große Privileg, Rosa Parks zu treffen, Frau Parks kam immer wieder mal zurück nach Montgomery, wo sie zwei ihrer ältesten Freunde traf. diese älteren Frauen, Johnnie Carr, die den Montgomery-Busboykott organisiert hatte – eine unglaubliche Afroamerikanerin – und Virginia Durr, eine Weiße, deren Ehemann, Clifford Durr, Dr. King vertrat. Diese Frauen trafen sich also und unterhielten sich einfach.
Ab und zu rief Frau Carr mich dann an und sagte: »Bryan, Frau Parks kommt in die Stadt. Wir wollen uns unterhalten. Wollen Sie dazukommen und zuhören?« Und ich sagte: »Ja, sehr gerne.« Sie sagte: »Und was werden Sie tun, wenn Sie hier sind?« Ich sagte: »Ich werde zuhören.« Und ich ging rüber und hörte einfach nur zu. Es war immer so inspirierend, so beflügelnd.
Eines Tages saß ich dort und hörte diesen Frauen zu, und nach ein paar Stunden drehte sich Frau Parks zu mir um uns sagte: »Nun Bryan, sagen Sie mir, was die ›Initiative für gleiches Recht‹ ist. Was versuchen Sie zu erreichen?« Ich begann mit meinem üblichen Vortrag. Ich sagte: »Wir versuchen, gegen Ungerechtigkeit vorzugehen. Wr wollen Menschen helfen, die unschuldig verurteilt wurden. Wir wollen Voreingenommenheit und Diskriminierung im Strafvollzugssystem bekämpfen. Wir wollen lebenslängliche Haftstrafen ohne bedingte Strafaussetzung für Kinder abschaffen. Wir wollen etwas gegen die Todesstrafe unternehmen. Wir wollen die Anzahl der Häftlinge senken. Wir wollen Masseninhaftierungen abschaffen.«
Ich hielt meinen üblichen Vortrag, und danach sah sie mich an und sagte: »Mhmm. Mhmm. Mhmm.« Sie sagte: »Das wird Sie sehr, sehr müde machen.« (Gelächter) Dann lehnte Frau Carr sich vor zu mir, legte einen Finger auf mein Gesicht und sagte: »Und deshalb müssen Sie sehr, sehr tapfer sein.«
Und deshalb glaube ich, dass die TED-Gemeinschaft tapferer sein sollte. Wir müssen Wege finden. uns diesen Herausforderungen zu stellen: diesen Problemen, diesem Leid. Denn letztlich hängt unsere Menschlichkeit, von unser aller Menschlichkeit ab. In meiner Arbeit habe ich ganz einfache Dinge gelernt. Ich habe ein paar ganz einfache Dinge gelernt. Ich glaube, dass wir alle mehr sind, als das Schlimmste, was wir jemals getan haben. Ich glaube, das gilt für jeden Menschen auf dem Planeten. Wenn jemand lügt, ist er nicht nur einfach ein Lügner. Wenn jemand etwas nimmt, das ihm nicht gehört, ist er nicht nur ein Dieb. Selbst wer jemanden tötet, ist nicht nur ein Mörder. Und weil das so ist, gibt es eine grundlegende menschliche Würde, die das Gesetz respektieren muss. Ich glaube auch, dass in vielen Teilen dieses Landes, und mit Sicherheit in vielen Teilen der Erde, das Gegenteil von Armut nicht Reichtum ist. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass an zu vielen Orten das Gegenteil von Armut Gerechtigkeit ist.
Und schließlich glaube ich, dass, obwohl sie so dramatisch ist, so schön und inspirierend, und so anregend, wir am Ende nicht an unserer Technologie gemessen werden, nicht an den Dingen, die wir entwickeln, nicht an unserem Intellekt und Verstand. Schlussendlich wird eine Gesellschaft nicht daran gemessen, wie sie ihre Reichen und Mächtigen und Privilegierten behandelt, sondern daran, wie sie mit den Armen umgeht, den Verurteilten, den Inhaftierten. Denn in diesem Kontext erst beginnen wir, die wahrhaft erstaunlichen Dinge zu begreifen, die uns ausmachen.
Manchmal verliere ich das Gleichgewicht. Eine Geschichte zum Schluss. Manchmal dränge ich zu sehr. Ich werde müde, wie wir alle. Manchmal eilen diese Ideen unserem Denken voraus, auf ganz wichtige Art und Weise. Ich vertrete diese Kinder, die zu sehr harten Strafen verurteilt wurden. Ich gehe ins Untersuchungsgefängnis und besuche einen Mandanten, der 13 oder 14 Jahre alt sein mag, und der als Erwachsener vor Gericht stehen soll. Dann frage ich mich: Wie konnte das passieren? Wie kann ein Richter jemanden in etwas verwandeln, das er nicht ist? Der Richter betrachtet ihn als Erwachsenen, aber ich sehe ein Kind.
Eines Nachts blieb ich zu lange auf und dachte, meine Güte, wenn ein Richter uns in etwas anderes verwandeln kann, dann muss er Zauberkräfte haben. Genau, Bryan, der Richter hat Zauberkräfte. Du solltest dir auch welche wünschen. Und weil es spät war, und ich nicht mehr richtig denken konnte, fing ich an, an einem Antrag zu arbeiten. Ich hatte einen 14jährigen, armen schwarzen Jungen als Mandanten. Und ich fing an mit diesem Antrag. Die Überschrift lautete: »Antrag, meinen armen, 14jährigen schwarzen Mandanten wie einen privilegierten, weißen, 75jährigen Topmanager zu behandeln.«
in meinem Antrag erklärte ich, dass Fehlverhalten der Staatsanwaltschaft und der Polizei sowie Verfahrensfehler zu berücksichtigen seien. Es gab eine verrückte Zeile darüber, dass in diesem Land nichts mehr Rechtens ist, dass es nur noch Fehlverhalten gibt. Am nächsten Morgen wachte ich auf und wusste nicht mehr, ob ich diesen verrückten Antrag nur geträumt oder ihn tatsächlich geschrieben hatte. Und zu meinem Entsetzen hatte ich ihn nicht nur geschrieben, sondern auch ans Gericht geschickt.
Ein paar Monate gingen vorüber und ich hatte gerade alles vergessen. Schließlich aber entschied ich mich, mein Gott, ich muss ja ins Gericht und diesen verrückten Fall vortragen. Ich stieg ins Auto und war wirklich überwältigt – überwältigt. Ich fuhr also zum Gericht. Und ich dachte, das wird so schwer, so schmerzhaft. Schließlich stieg ich aus meinem Auto und ging die Treppe zum Gericht hoch.
als ich die Treppe zum Gericht hochging. war da ein älterer, schwarzer Mann, der Hausmeister im Gericht. Als er mich sah, kam er zu mir herüber und sagte: »Wer sind Sie?« Ich sagte: »Ich bin Anwalt.« Er sagte: »Sie sind Anwalt?« Ich sagte: »Ja.« Er kam zu mir und umarmte mich. Dann flüsterte er mir ins Ohr. Er sagte: »Ich bin so stolz auf Sie.« Und ich muss sagen, es gab mir Kraft. Es berührte etwas ganz tief in mir, Identität, die Fähigkeit jedes einzelnen, etwas beizutragen zu einer Gemeinschaft, zu einer Perspektive der Hoffnung.
Nun, ich betrat den Gerichtssaal. Sobald der Richter mich sah, sagte er: »Herr Stevenson, haben Sie diesen verrückten Antrag gestellt?« Ich sagte: »Ja.« Und dann fingen wir an, zu diskutieren. Immer mehr Menschen kamen herein, einfach weil sie wütend waren, dass ich diese verrückten Sachen geschrieben hatte. Polizeibeamte kamen herein und stellvertretende Staatsanwälte und Büroangestellte. Im Handumdrehen war der Gerichtssaal voller Menschen, die wütend waren, dass wir über Hautfarbe sprachen, über Armut, über Ungleichheit.
Aus meinem Augenwinkel sah ich den Hausmeister auf und ab gehen. Er sah immer wieder durch das Fenster und konnte das ganze Tohuwabohu hören. Er ging auf und ab. Schließlich kam dieser ältere schwarze Mann mit einem sehr besorgten Gesichtsausruck in den Gerichtssaal und setzte sich direkt hinter mich, beinahe auf die Verteidigungsbank. Zehn Minuten später kündigte der Richter eine Pause an. Während der Pause kam ein Polizeibeamter (Deputy) herein, den es störte, dass der Hausmeister im Gerichtssaal war. Dieser Deputy rannte hinüber zu dem älteren Schwarzen. Er sagte: »Jimmy, was machen Sie im Gerichtssaal?« Der ältere schwarze Mann stand auf. Er sah den Deputy an, dann sah er mich an, und er sagte: »Ich bin hergekommen, um diesem jungen Mann zu sagen, Verlieren Sie das Ziel nicht aus den Augen. Geben Sie nicht auf.«
Ich bin zur TED gekommen, weil ich glaube, dass viele von Ihnen verstanden haben, dass das moralische Pendel des Universums weit ausschwingt, aber dass es der Gerechtigkeit zuneigt. Dass wir als Menschen nicht vollständig entwickelt sind, solange wir uns nicht um Menschenrechte und Grundwerte kümmern. Dass unser aller Überleben mit dem Überleben jedes einzelnen verknüpft ist. Dass wir unsere Visionen von Technologie und Gestaltung, von Unterhaltung und Kreativität verbinden müssen mit Menschlichkeit, Mitleid und Gerechtigkeit. Und vor allem möchte ich jenen von Ihnen, die das ebenso sehen, einfach nur sagen: Verlieren Sie das Ziel nicht aus den Augen. Geben Sie nicht auf.
Chris Anderson: Sie haben bei diesem Publikum, dieser Gemeinschaft einen offensichtlichen Wunsch gesehen und gehört, Ihnen zu helfen und etwas zu tun. Was können wir (über das Ausfüllen eines Schecks hinaus) noch tun?
Bryan Stevenson: Nun, es gibt überall Möglichkeiten. Wenn Sie in Kalifornien leben, gibt es da in diesem Frühling einen Volksentscheid, bei dem es darum geht, tatsächlich eine Anstrengung zu unternehmen, etwas von dem Geldstrom umzuleiten, der sonst in die Politik der Bestrafung fließt. Hier, in Kalifornien zum Beispiel wird man in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Dollar für die Todesstrafe ausgeben. eine Milliarde Dollar. Und trotzdem enden 46 % aller Tötungsdelikte nicht mit einer Verhaftung. 56 % aller Vergewaltigungsfälle kommen nicht vor Gericht. Hier gibt es die Chance, etwas zu tun. Dieses Referendum wird vorschlagen, das Geld in mehr Sicherheitskräfte und Sicherheit zu investieren. Ich glaube, überall gibt es Möglichkeiten.
CA: Während der letzten drei Jahrzehnte ist die Verbrechensrate in Amerika immens gesunken. Diese Tatsache wird oft in einen Zusammenhang mit den erhöhten Inhaftierungszahlen gestellt. Was würden Sie jemandem sagen, der das glaubt?
BS: Nun, tatsächlich hat sich die Zahl der Gewaltverbrechen nicht sehr verändert. Der Großteil der Masseninhaftierungen in diesem Land fand nicht wirklich in der Klasse der Gewaltverbrechen statt. Es war der fehlgeleitete Kreuzzug gegen Drogen. Daher kommen die dramatischen hohen Zahlen bei den Gefängnisinsassen. Wir haben uns hinreißen lassen von der Rhetorik der Bestrafung. Nun haben wir »Drei-Verstöße«-Gesetze, die Menschen für immer hinter Gitter bringen, für einen Fahrraddiebstahl, für den Diebstahl geringfügigen Gutes, statt dass man sie zwingt, die Sachen den Opfern zurückzugeben. Ich glaube, wir müssen mehr tun, um Menschen zu helfen, die Opfer einer Straftat geworden sind, nicht weniger. Und ich glaube, dass unsere jetzige Bestrafungsphilosophie niemandem hilft. Ich glaube, das ist es, was wir ändern müssen.
CA: Bryan, Sie haben hier wirklich eine Saite zum Schwingen gebracht. Sie sind eine inspirierende Persönlichkeit. Danke, dass Sie bei TED waren. Vielen Dank.
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In einem fesselnden und persönlichen Vortrag (mit Gastauftritten seiner Großmutter und Rosa Parks) formuliert Menschenrechtsanwalt Bryan Stevenson einige unbequeme Wahrheiten über Amerikas Justizsystem. Er beginnt mit dem großen Missverhältnis, wenn es um Hautfarbe geht: Ein Drittel der männlichen schwarzen Bevölkerung war bereits einmal im Gefängnis. Diese Themen sind untrennbar verbunden mit Amerikas ungeschriebener Geschichte, werden nur selten mit dieser Offenheit, Einsicht und Überzeugungskraft diskutiert.
Bryan Stevenson is the founder and executive director of the Equal Justice Initiative, fighting poverty and challenging racial discrimination in the criminal justice system. Full bio »
Translated into German by Anke Tröder
Reviewed by Martin Post
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20:45 Posted: Feb 2009
Views 1,553,128 | Comments 443
15:27 Posted: Nov 2010
Views 752,817 | Comments 744
03:50 Posted: Nov 2011
Views 649,093 | Comments 140
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