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Eine der verbreitesten Arten, die Welt einzuteilen, ist in diejenigen, die glauben, und jene, die es nicht tun – in die Religiösen und die Atheisten. Und über die vergangene Dekade ungefähr ist es immer recht klar gewesen, was es bedeutet, ein Atheist zu sein. Es gibt einige sehr lautstarke Atheisten, die angemerkt haben, dass Religion nicht nur falsch ist, sondern absolut lächerlich. Diese Leute – viele von ihnen haben in Nord-Oxford gelebt – haben argumentiert – sie haben argumentiert, dass der Glaube an Gott dem Glauben an Feen entspricht und dass im Prinzip die ganze Sache ein kindisches Spiel ist.
Also ich finde das zu simpel. Ich finde es zu simpel, auf diese Art die gesamte Religion abzuwerten. Das ist wirklich ein Kinderspiel. Und was ich heute gern vorstellen würde, ist eine neue Art, Atheist zu sein – vielleicht sogar eine neue Version des Atheismus, das könnten wir Atheismus 2.0 nennen. Was also ist Atheismus 2.0? Er geht von einer sehr einfachen Grundannahme aus: Natürlich gibt es keinen Gott. Natürlich gibt es keine Gottheiten oder übernatürliche Wesen oder Engel, und so weiter. Aber jetzt weiter – das ist ja nicht das Ende vom Lied, damit sind wir erst am Anfang.
Mich interessiert die Sorte Anhängerschaft, die ungefähr so denkt: "Ich kann an nichts von diesem Zeug glauben. Ich kann nicht an die Doktrine glauben. Ich halte die Doktrine nicht für richtig. Aber," – und das ist ein wichtiges Aber – "ich liebe Weihnachtslieder Ich liebe Mantegnas Werke. Alte Kirchen sind so schön anzuschauen. Ich blättere so gern in den Seiten des Alten Testaments." Was es auch immer sein mag, Sie wissen ja, wovon ich rede – Menschen, die sich zur rituellen Seite hingezogen fühlen, zur moralistischen, gemeinschaftlichen Seite der Religion, die die Doktrin aber nicht ertragen können. Bis jetzt mussten diese Menschen sich zwischen zwei Übeln entscheiden. Es ist fast so, als müsse man sich zur Doktrin bekennen, um die ganzen netten Sachen auch zu haben, oder man lehnt die Doktrin ab und lebt in so einer Art spirituellem Ödland unter der Flagge von CNN und Walmart.
Das ist eine ziemlich schwere Wahl. Ich glaube nicht, dass wir diese Wahl treffen müssen. Ich glaube, dass es eine Alternative gibt. Ich glaube, es gibt Möglichkeiten – und ich bin hier sowohl sehr respektvoll als auch total pietätlos – von Religionen zu stehlen. Wenn Sie nicht an eine Religion glauben, gibt es kein Problem mit einer selektiven Mischung, wo man sich die besten Seiten der Religion auswählt. Und für mich geht es im Atheismus 2.0 um sowohl, sozusagen, eine respektvolle als auch pietätlose Art, sich bei jeder Religion zu denken, "Was könnten wir denn hiervon verwenden?" Die säkulare Welt ist voller Löcher. Wir haben ziemlich schlecht säkularisiert, würde ich sagen. Und eine genaue Studie der Religion könnte uns eine Menge Einblicke bieten in Lebensbereiche, in denen es nicht so gut läuft. Und ich würde heute gerne einige von denen ansprechen.
Ich würde gern beim Bildungsweg anfangen. Der Bildungsweg ist ein Feld, an das die säkulare Welt wirklich glaubt. Wenn wir daran denken, wie man die Welt verbessern könnte, denken wir an den Bildungsweg, dorthin stecken wir viel Geld. Der Bildungsweg gibt uns nicht nur kommerzielle und handwerkliche Fähigkeiten, sondern macht uns auch zu besseren Menschen. Sie kennen ja die Zeremonien bei Abschlussfeiern, diese lyrischen Versprechungen, dass der Bildungsweg – besonders der höhere Bildungsweg – uns in edlere und bessere menschliche Wesen verwandelt. Das ist ein wunderschöner Gedanke. Wir sollten uns mal anschauen, wo der herkam.
Im frühen 19. Jahrhundert namen die Kirchenbesuche in Westeuropa sehr rapide ab, die Leute verfielen in Panik. Sie fragten sich folgendes: Sie fragten sich, wo werden die Leute ihre Moral finden, wo finden sie Orientierung, und wo können sie Trost finden? Einflussreiche Stimmen beantworteten die Frage. Sie sagten: "Kultur". Wir sollten auf die Kultur schauen, um Orientierung zu finden, Trost und Moral. Schauen wir uns die Stücke von Shakespeare an, die Dialoge von Plato, die Romane von Jane Austen. Hier finden wir viele der Wahrheiten, die wir vorher vielleicht im Johannesevangelium fanden. Ich halte diesen Gedanken für sehr schön und wahr. Sie wollten die heilige Schrift durch Kultur ersetzen. Und der Gedanke ist sehr plausibel. Es ist auch ein Gedanke, den wir vergessen haben.
Wenn Sie jetzt an eine der Top-Universitäten gingen – sagen wir mal, Harvard, Oxford oder Cambridge – und Sie sagten: "Ich bin auf der Suche nach Moral, Orientierung und Trost; ich möchte wissen, wie man lebt." Man würde Ihnen wohl den schnellsten Weg ins Irrenhaus zeigen. Das ist nicht die Angelegenheit unserer größten und besten Institute des höheren Bildungswegs. Wieso? Sie denken nicht, dass wir dies nötig haben. Sie halten uns nicht für unmittelbar hilfebedürftig. Sie sehen uns als Erwachsene, als rationale Erwachsene. Wir brauchen Informationen. Wir brauchen Daten, keine Hilfe.
Religionen haben einen ganz anderen Grundansatz. Alle Religionen, alle großen Religionen, nennen uns an irgendeinem Punkt Kinder. Und wie Kinder halten sie uns für dringend hilfebedürftig. Wir halten gerade noch so durch. Vielleicht bin es ja nur ich, oder vielleicht auch Sie. Auf jeden Fall halten wir gerade so durch. Und wir brauchen Hilfe. Natürlich brauchen wir Hilfe. Und so brauchen wir Orientierung und didaktisches Lernen.
Wissen Sie, im 18. Jahrhundert in Großbritannien war der größte religiöse Prediger, ein Mann namens John Wesley, der im ganzen Land umherging und predigte, und Leute anleitete, wie sie leben sollen. Er predigte über die Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern, und von Kindern gegenüber ihren Eltern, die Pflichten von Reichen gegenüber den Armen und andersherum. Er versuchte den Menschen zu erzählen, wie sie leben sollten, und nutzte dazu die Predigt, die klassische Vermittlungsart von Religionen.
Heute haben wir den Gedanken an Predigten aufgegeben. Wenn Sie zu einem modernen liberalen Individualisten sagen: "Hey, wie wär's mit einer Predigt?", dann sagt der: "Nein, nein, die brauch ich nicht. Ich bin ein unabhängiges Individuum." Was ist denn der Unterschied zwischen einer Predigt und unserer modernen, säkularen Übermittlungsart, dem Vortrag? Nun, eine Predigt versucht Ihr Leben zu verändern, und ein Vortrag möchte Ihnen ein paar Informationen geben. Ich halte es für nötig, zur Tradition der Predigt zurückzukehren. Die Tradition des Predigens ist ungeheuer wertvoll, denn wir brauchen Orientierung, Moral und Trost, und Religionen wissen das.
Ein weiterer Punkt über Bildung: Wir neigen in der modernen säkularen Welt zu dem Glauben, dass, wenn man jemandem einmal etwas sagt, er sich daran erinnert. Erzähle 20-Jährigen in einem Klassenzimmer von Platon, schicke sie dann für 40 Jahre auf einen Karriereweg in Managerberatung und sie vergessen die ursprüngliche Lektion nie. Religionen sagen: "Quatsch. Man muss die Lektion zehnmal am Tag wiederholen. Also auf die Knie mit dir und wiederholen." Dies sagen uns alle Religionen: "Knie nieder und wiederhole es 10 oder 20 oder 15 Mal am Tag." Sonst sind unsere Gehirne wie Siebe.
Religionen sind also Kulturen der Wiederholung. Sie umkreisen die großen Wahrheiten immer wieder. Wir verbinden Wiederholung mit Langeweile. "Gib uns das Neue", sagen wir immer. "Das Neue ist besser als das Alte." Wenn ich zu Ihnen sagte: "Okay, es gibt nichts Neues mehr auf TED. Wir gucken uns einfach die alten Vorträge wieder an und schauen sie fünfmal, weil sie so wahr sind. Wir gucken uns Elizabeth Gilbert fünfmal an, weil was sie sagt sehr klug ist", dann würden Sie sich betrogen fühlen. Aber nicht, wenn Sie sich eine religiöse Einstellung zulegen.
Die anderen Dinge, die Religionen tun, ist die Zeit einzuteilen. Alle großen Religionen haben uns Kalender gegeben. Was ist ein Kalender? Ein Kalender ist eine Art sicherzustellen, dass Sie im Laufe des Jahres mit einigen sehr wichtigen Ideen konfrontiert werden. In der katholischen Zeitfolge, dem katholischen Kalender, denken Sie Ende März an den heiligen Hieronymus und seine Eigenschaften der Demut, der Güte und seiner Wohlfährtigkeit. Das passiert nicht aus Versehen, Sie werden daraufhingelenkt. Wir wiederum denken nicht so. In der säkularen Welt denken wir: "Wenn eine Idee wichtig ist, taucht sie schon auf. Ich stolper drüber." "Unsinn", sagt das religiöse Weltbild. Das religiöse Weltbild sagt, wir brauchen Kalender, wir müssen Zeit strukturieren und Begegnungen vorausplanen. Das wird daran deutlich, wie Religionen Rituale um wichtige Gefühle erschaffen.
Nehmen wir den Mond. Es ist wichtig, sich den Mond anzuschauen. Wenn wir nämlich den Mond anschauen, denken wir: "Ich bin so klein. Was sind meine Probleme?" Er setzt Dinge in Perspektive, und so weiter. Wieso schauen wir nicht alle ein bisschen öfter den Mond an? Wieso nicht? Na, nichts sagt uns: "Schau dir den Mond an!" Aber wenn Sie ein Zen-Buddhist Mitte September sind, werden Sie aus dem Haus auf eine vorschriftsmäßige Plattform beordert, um das Tsukimifest zu feiern, wo Sie Gedichte lesen müssen, die den Mond und die Vergängnis der Zeit ehren, sowie die Zerbrechlichkeit des Lebens, an die wir uns erinnern sollen. Man gibt Ihnen Reisküchlein. Und der Mond und die Spiegelung des Mondes wird einen festen Platz in Ihrem Herzen haben. Das ist sehr gut.
Eine weitere Sache, derer sich Religionen so bewusst sind, ist, gut zu reden – das erledige ich gerade eher weniger erfolgreich – aber das Mündliche ist ein Schlüssel zu jeder Religion. In der säkularen Welt kann man sich als schlechter Redner durch die Uni mogeln und trotzdem eine großartige Karriere machen. Aber die religiöse Welt findet das nicht. Was Sie sagen, müssen Sie auch durch große Überzeugungskraft untermauern.
Betreten Sie eine Kirche der afro-amerikanischen Pfingstbewegung im US-amerikanischen Süden und hören sich die Redeweise dort an, meine Güte, die reden gut. Nach jedem überzeugenden Punkt sagen die Leute: "Amen, amen, amen." Am Ende eines sehr erhebenden Absatzes stehen alle auf und sagen: "Gedankt sei Jesus, gedankt sei Christus, gedankt sei unserem Retter." Wenn wir diese Angewohnheit übernehmen würden – tun wir's nicht, aber wenn wir's täten – dann würde ich sagen: "Kultur sollte die heilige Schrift ersetzen." Und Sie sagen, "Amen, amen, amen." Und am Ende des Gespräches stehen Sie alle auf und sagen: "Gedankt sei Platon, gedankt sei Shakespeare, gedankt sei Jane Austen." Und dann wüssten wir, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Na gut, na gut. Wir schaffen das schon. Wir schaffen das schon.
Die andere Sache, die Religionen wissen, ist dass wir nicht nur Gehirn sind, sondern wir sind auch Körper. Und wenn sie uns eine Lehre erteilen wollen, tun sie das über den Körper. Nehmen wir zum Beispiel die jüdische Idee der Vergebung. Juden interessieren sich sehr für Vergebung und wie wir ganz neu und frisch von vorn anfangen sollen. Sie predigen nicht einfach nur darüber. Sie geben uns nicht einfach nur Worte oder Bücher darüber. Sie sagen, wir sollen baden. Also geht man in orthodoxen jüdischen Gemeinden jeden Freitag in eine Mikveh. Man steigt ins Wasser und die körperliche Handlung bekräftigt den philosophischen Gedanken. Wir tun so etwas nicht. Unsere Gedanken sind eine Sache und unser physisches Verhalten eine andere. Es ist faszinierend, wie Religionen beides miteinander zu verbinden suchen.
Schauen wir uns jetzt Kunst an. Kunst ist etwas, das in der säkularen Welt als hohes Gut betrachtet wird. Wir halten Kunst für sehr, sehr wichtig. Eine Menge unseres überflüssigen Wohlstands fließt in Museen usw. Wir hören manchmal, dass Museen unsere neuen Kathedralen, unsere neuen Kirchen sind. Sie haben das sicherlich schon gehört. Ich glaube, das Potenzial ist da, aber wir haben uns total hängen lassen. Der Grund dafür ist der, dass wir nicht richtig untersuchen, wie Religionen mit Kunst umgehen.
Zwei ganz schlimme Ideen treiben in der modernen Welt ihr Unwesen und hindern unsere Fähigkeit, aus Kunst Stärke zu schöpfen: Die erste Idee ist, dass Kunst um der Kunst willen existiert – eine lachhafte Idee – ein Gedanke, dass Kunst in einer abgeschlossenen Blase lebt und nicht versuchen sollte, etwas mit dieser sorgenvollen Welt anzufangen. Ich stimme dem absolut nicht zu. Die andere Sache ist, dass Kunst sich nicht erklären sollte, dass Künstler ihre Beweggründe nicht verraten sollten, denn wenn sie sie verrieten, zerstörte das die Magie und wir fänden es vielleicht zu einfach. Daher ist ein sehr verbreitetes Gefühl unter Museumsbesuchern – geben wir's doch zu – "Ich habe keine Ahnung, was das soll." Aber wenn wir ernsthafte Menschen sind, geben wir das nicht zu. Doch dieses Gefühl der Verwirrung ist elementar in der zeitgenössischen Kunst.
Religionen haben eine viel vernünftigere Herangehensweise. Sie haben kein Problem damit, uns Kunst zu erklären. Kunst dreht sich in den großen Glaubensrichtungen um zwei Dinge. Erstens versucht sie einen daran zu erinnern, was man lieben soll. Und zweitens versucht sie einen daran zu erinnern, was machen fürchten und hassen soll. Und das ist Kunst. Kunst ist eine begreifbare Begegnung mit den wichtigsten Glaubensthemen. Während man also in einer Kirche umherläuft, oder in einer Moschee oder Kathedrale, versucht man, durch die Augen, durch die Sinne die Wahrheiten zu absorbieren, die sonst durch das Bewusstsein zu einem kommen.
Im Prinzip ist es Propaganda. Rembrandt ist ein Propagandist im Weltbild des Christentums. Das Wort "Propaganda" lässt ja sofort Alarmglocken schrillen. Wir denken an Hitler, wir denken an Stalin. Das sollten Sie nicht unbedingt. Propaganda ist eine Methode, zu Ehren von etwas didaktisch vorzugehen. Und wenn diese Sache gut ist, gibt es kein Problem damit.
Meiner Meinung nach sollten Museen sich bei Religionen eine Scheibe abschneiden. Und sie sollten sichergehen, dass, wenn Sie in ein Museum gehen – wenn ich ein Kurator wäre, würde ich einen Raum der Liebe widmen, einen der Großzügigkeit. Alle Kunstwerke versuchen uns etwas zu erzählen. Und wenn wir Räumlichkeiten zur Verfügung hätten, wo wir Kunstwerken begegnen mit der Aufforderung: "Verwendet diese Kunstwerke, um diese Ideen in eurem Kopf zu verfestigen", dann würden wir so viel mehr aus Kunst gewinnen. Kunst würde wieder den Dienst aufnehmen, den sie einst hatte, und den wir aufgrund einiger fehlgeleiteter Ideen vernachlässigt haben. Kunst wäre eines der Werkzeuge, mittels derer wir unsere Gesellschaft verbessern können. Kunst sollte didaktisch sein.
Denken wir an etwas anderes. Die Menschen in der modernen, säkularen Welt, die sich für spirituelle Belange interessieren, für Belange des Bewusstseins, für die höheren, seelischen Problematiken, sind ziemlich oft isolierte Wesen. Sie sind Dichter, sie sind Philosophen, Fotografen oder Filmemacher. Und sie sind meistens allein. Sie sind unsere Heimgewerbe. Sie sind verletzbare, einzelne Menschen. Und sie sind deprimiert und werden allein traurig. Sie können nicht viel ausrichten.
Jetzt denken wir an Religionen, an organisierte Religionen. Was machen organisierte Religionen? Sie versammeln sich, formen Institutionen. Und das hat eine ganze Menge an Vorteilen. Zuallererst Ausmaß, und Macht. Die katholische Kirche hat letztes Jahr 97 Milliarden Dollar gesammelt, laut dem Wall Street Journal. Das sind riesige Maschinerien. Sie kollaborieren, tragen einen Markennamen, sind multinational und hoch diszipliniert.
Das sind alles sehr gute Eigenschaften. Wir verbinden sie auch mit Unternehmen. Unternehmen sind in vieler Hinsicht wie Religionen, sie sind nur am unteren Ende der Bedürfnispyramide. Sie verkaufen uns Schuhe und Autos. Die Leute, die uns das höherwertige Zeug verkaufen – die Therapeuten, Poeten – stehen für sich allein und haben keine Macht, sie haben wenig Hebelkraft. Also sind Religionen das führende Beispiel für eine Institution, die für Bewusstseinsdinge kämpft. Wir stimmen vielleicht nicht mit dem überein, was Religionen uns lehren wollen, doch wir können die institutionelle Art bewundern, mit der sie es tun.
Bücher allein, verfasst von einsamen Individuen, werden nichts ändern können. Wir werden uns zusammenrotten müssen. Wenn Sie die Welt verändern wollen, müssen Sie Gruppen bilden, kollaborieren. Und das tun Religionen. Sie sind multinational, wie gesagt, sie haben ein Markenzeichen, eine klare Identität, damit sie in einer geschäftigen Welt nicht untergehen. Das können wir von ihnen lernen.
Ich möchte zum Abschluss kommen. Ich möchte im Grunde sagen, dass es für viele von Ihnen, die in so unterschiedlichen Sektoren aktiv sind, etwas gibt, was man am Beispiel der Religion lernen kann – selbst, wenn man kein Wort davon glaubt. Wenn Sie in etwas Gemeinschaftliches involviert sind, etwas, wo viele Leute zusammenkommen, dann gibt es Dinge für Sie in der Religion. Wenn Sie etwa irgendwie mit der Tourismusindustrie zu tun haben, schauen Sie sich Pilgerfahrten an. Schauen Sie sich Pilgerfahrten ganz genau an. Wir haben noch nicht einmal die Oberfläche dessen angekratzt, was Reisen bedeuten könnte, denn wir haben uns nicht angeschaut, was Religionen mit Reisen tun. Wenn Sie im Kunstsektor sind, dann schauen Sie sich Beispiele an, was Religionen mit Kunst tun. Und wenn Sie in irgendeiner Form ausbilden oder erziehen, dann schauen Sie sich an, wie Religionen Ideen verbreiten. Vielleicht stimmen Sie nicht mit den Ideen überein, aber meine Güte, die Mechanismen zur Verbreitung sind unglaublich effektiv.
Also ist mein abschließender Punkt der, dass Sie vielleicht nicht mit Religion übereinstimmen, aber es kommt darauf an, dass Religionen so raffiniert, so kompliziert, auf viele Arten so intelligent sind, dass man sie nicht einfach nur den Religiösen überlassen kann, sie existieren für uns alle.
Chris Anderson: Das war ein sehr mutiger Vortrag, denn Sie ebnen ja auf gewisse Weise das Feld dafür, von einigen Seiten lächerlich gemacht zu werden.
AB: Man kann von beiden Seiten beschossen werden. Entweder von den sturköpfigen Atheisten, oder von denen die ganz fest glauben.
CA: Raketen aus Nord-Oxford sind jeden Moment zu erwarten.
CA: Aber Sie haben einen Aspekt von Religion weggelassen, von dem eine Menge Leute sagen könnten, dass Sie das in Ihr Programm aufnehmen sollten, und zwar dieser: Das ist nämlich vielleicht die wichtigste Sache für alle Religiösen – ein spirituelles Erlebnis, eine Art von Verbindung mit etwas, das größer ist als wir es sind. Gibt es einen Raum für solche Erlebnisse in Atheismus 2.0?
AB: Absolut. Ich treffe, wie viele von Ihnen, auf Menschen die sagen: "Ist da nicht etwas, das größer ist als wir alle, noch etwas anderes?" Und dann sage ich: "Na klar." Und sie sagen: "Also sind Sie irgendwie religiös?" Und ich sage: "Nein." Wieso muss dieses Gefühl des Mysteriums, der schwindelerregende Gedanke an das Ausmaß des Universums, von einem mystischen Gefühl begleitet werden? Wissenschaft und einfache Beobachtung geben uns dieses Gefühl auch so, also fühle ich kein Bedürfnis. Das Universum ist riesig und wir sind klitzeklein, ohne den Bedarf nach einer weiteren religiösen Superstruktur. Also kann man sogenannte spirituelle Momente haben, ohne dabei an den Geist zu glauben.
CA: Lassen Sie mich schnell eine Frage stellen. Wie viele Leute hier würden sagen, dass Religion wichtig für sie ist? Gibt es einen vergleichbaren Vorgang, der eine Art Brücke schlägt zwischen dem, worüber Sie reden, und was Sie zu ihnen sagen würden?
AB: Ich würde sagen, dass es viele Lücken im säkularen Leben gibt, und diese kann man verstopfen. Es ist nicht so, das versuche ich ja zu sagen, dass man entweder Religion haben muss, und alle möglichen Dinge akzeptieren muss, oder sie ablehnt, und dann ist man von den schönen Dingen ausgeschlossen. Es ist so traurig, dass wir ständig sagen: "Ich glaube nicht, daher habe ich keine Gemeinschaft, also bin ich von der Moral abgeschnitten, also kann ich nicht auf eine Pilgerreise gehen." Da möchte man sagen: "So ein Quatsch, wieso nicht?" Und das ist der Geist meines Vortrags. Es gibt so viel für uns aufzunehmen. Atheismus sollte sich nicht von den reichen Quellen der Religion abtrennen.
CA: Es scheint, dass es viele Menschen in der TED-Gemeinschaft gibt, die Atheisten sind. Aber die meisten Menschen in der Gemeinschaft denken wahrscheinlich nicht, dass Religion so bald verschwindet, und möchten eine Ausdrucksmöglichkeit finden, um einen konstruktiven Dialog zu führen und das Gefühl zu bekommen, dass wir miteinander reden können, und endlich die uns gemeinsamen Dinge teilen. Sind wir denn Narren, an die Möglichkeit einer Welt zu glauben, in der es, anstelle von Religion als großer Kriegsschrei für Trennung und Krieg, eine Brücke gibt?
AB: Nein, wir müssen die Unterschiede höflich angehen. Höflichkeit ist eine gern übersehene Tugend. Sie wird als Scheinheiligkeit wahrgenommen. Aber wir müssen an einen Punkt kommen, wo man als Atheist, wenn jemand sagt: "Weißt du was, ich hab gestern gebetet", das einfach höflich ignoriert. Man macht einfach weiter. Weil man sich zu 90% einig war, weil man eine ähnliche Sicht auf so viele Dinge hat, und man an der Stelle höflich anderer Meinung ist. Und ich finde, dass dies die letzten religiösen Kriege ignoriert haben. Sie haben die Möglichkeit einer harmonischen Meinungsverschiedenheit ignoriert.
CA: Und zum Schluss – diese neue Sache, die Sie vorschlagen, die keine Religion ist, sondern etwas anderes, braucht es einen Anführer, und stellen Sie sich freiwillig als Papst?
AB: Na ja, eine Sache, bei der wir alle vorsichtig sind. sind Einzelpersonen an der Spitze. Die sind nicht nötig. Ich habe versucht, ein Rahmenwerk festzulegen und ich hoffe, dass die Leute es einfach ausfüllen können. Ich habe ein paar Grundideen festgehalten. Aber wo Sie auch sind, also wenn Sie im Tourismus arbeiten, füllen Sie den Reiseteil aus. Und in der Gemeinde-Industrie, dann schauen Sie sich Religion an und tun Ihren Teil. Es ist ein Wiki-Projekt.
CA: Alain, vielen Dank dafür, dass Sie für so viele Gespräche sorgen werden.
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Welche Aspekte der Religion sollten Atheisten (respektvoll) annehmen? Alain de Botton schlägt eine "Religion für Atheisten" – den Atheismus 2.0 – vor, der religiöse Formen und Traditionen integriert, um unser menschliches Bedürfnis nach Verbindung, Ritualen und Transzendenz zu erfüllen.
Through his witty and literate books -- and his new School of Life -- Alain de Botton helps others find fulfillment in the everyday. Full bio »
Translated into German by Judith Matz
Reviewed by Katja Tongucer
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When you look at the Moon, you think, ‘I’m really small. What are my problems?’ It sets things into perspective. We should all look at the Moon a bit more often.” (Alain de Botton)
16:51 Posted: Jul 2009
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24:45 Posted: Jul 2006
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21:28 Posted: Mar 2008
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