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Translated by Konstantin Weil
Reviewed by Angelika Lueckert

0:11 Ich bin ein Künstler. Ich lebe in New York und arbeite in der Werbung, seit ich die Schule abgeschlossen habe, also seit ungefähr sieben, acht Jahren und es war kräftezehrend. Ich arbeitete oft bis tief in die Nacht und an vielen Wochenenden und ich hatte nie Zeit für die Projekte, an denen ich gerne arbeiten wollte.

0:29 Und eines Tages, als ich arbeitete, sah ich eine Rede von Stefan Sagmeister auf TED, sie hieß "Die Macht der Auszeit" und er sprach darüber, wie er sich alle sieben Jahre ein Jahr freinimmt, damit er an seinen eigenen kreativen Projekten arbeiten kann, und ich war sofort inspiriert und ich sagte mir: "Ich muss das tun. Ich muss mir ein Jahr freinehmen. Ich brauche Zeit, um zu reisen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen und meine eigenen kreativen Ideen umzusetzen."

0:54 Das erste dieser Projekte wurde also eins, das ich "Eine Sekunde jeden Tag" nannte. Es geht darum, dass ich an jedem Tag meines Lebens eine Sekunde aufnehme, mein ganzes Leben lang, und dann diese eine Sekunde kurzen Stücke meines Lebens chronologisch in ein einziges zusammenhängendes Video zusammenfüge, solange, bis ich sie nicht mehr aufnehmen kann.

1:19 Der Sinn dieses Projekts ist: Ich hasse es, mich an Dinge, die ich in meiner Vergangenheit getan habe, nicht zu erinnern. Da sind diese ganzen Dinge, die ich in meinem Leben gemacht habe, an die ich keine Erinnerung habe, wenn sie niemand wieder hochholt, und manchmal denke ich: "Oh ja, da ist etwas, was ich mal gemacht habe." Und mir ist gleich am Anfang des Projekts klar geworden, dass ich vergessen würde, das Video aufzunehmen, wenn ich nichts Interessantes machen würde. An dem Tag – das erste Mal, dass ich es vergessen hatte, hat es mich wirklich getroffen, denn es war etwas, das ich wirklich wollte – seit ich dreißig geworden bin, wollte ich dieses Projekt für immer durchziehen, und mit dieser einen fehlenden Sekunde ist mir klar geworden, dass ich es nie wieder vergessen wollte.

2:06 Also wenn ich achtzig Jahre alt werde, dann werde ich ein fünfstündiges Video haben, das fünfzig Jahre meines Lebens beinhaltet. Wenn ich vierzig werde, dann werde ich ein einstündiges Video haben, das nur die Jahre ab Dreißig beinhaltet. Das hat mich wirklich Tag für Tag darin bestärkt, wenn ich aufwache, zu versuchen, etwas Interessantes aus meinem Tag zu machen.

2:37 Als die Tage, Wochen und Monate verstrichen, hatte ich das Problem, dass die Zeit zu verschwimmen schien und sich alles miteinander vermischte, und wissen Sie, ich hasste das, denn durch Visualisierung wird die Erinnerung ausgelöst. Dank diesem Projekt kann ich diese Lücke überbrücken und mich an alles, das ich getan habe, erinnern. Selbst diese eine Sekunde ermöglicht es mir, mich an alles andere zu erinnern, das ich an diesem Tag getan habe. Manchmal ist es schwierig, diese eine Sekunde auszuwählen. An einem guten Tag habe ich vielleicht drei oder vier Sekunden, die ich wirklich gerne nehmen würde, aber ich muss es auf eine Sekunde beschränken, aber selbst mit dieser einen Auswahl kann ich mich dann an die drei anderen erinnern.

3:31 Es ist zugleich ein Protest, ein persönlicher Protest, gegen die Kultur, die wir im Moment haben, in der Leute auf Konzerten mit ihren Handys alles aufnehmen und dich dabei stören. Sie genießen nicht einmal die Show. Sie sehen das Konzert über ihr Handy. Ich hasse das. Zugegeben, ich war früher auch mal so einer, und ich habe mich entschieden, dass der beste Weg, diese Momente aufzunehmen und so eine bildliche Erinnerung zu behalten und trotzdem nicht so eine Person zu sein, ist, einfach nur diese eine Sekunde aufzunehmen. Die es mir dann möglich macht, die Erinnerung wachzurufen: "Ja, dieses Konzert war toll. Ich war wirklich begeistert." Und dazu braucht es nur diese eine, kurze Sekunde.

4:12 Diesen Sommer war ich auf einer dreimonatigen Autoreise. Das war etwas, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt hatte, einfach nur durch die USA und Kanada zu fahren und mir immer zu überlegen, wo ich am nächsten Tag hinfahren würde und das war ausgezeichnet. Schließlich war mein Geld aufgebraucht, ich hatte zu viel Geld für die Reise ausgegeben, von dem Geld, das ich für mein freies Jahr gespart hatte, also musste ich nach Seattle fahren und verbrachte dort Zeit mit Freunden, um an einem tollen Projekt zu arbeiten. Einer der Gründe, mir ein Jahr freizunehmen war, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen wollte, und da passierte diese wirklich schlimme Sache, der Darm meiner Schwägerin war plötzlich eingeschnürt, und wir brachten sie zur Notaufnahme, und ihr ging es wirklich schlecht. Wir hätten sie ein paar Mal fast verloren, und ich war mit meinem Bruder jeden Tag dort. Dabei ist mir noch etwas anderes klar geworden, und zwar, dass es an einem schlechten Tag extrem schwierig ist, diese eine Sekunde aufzunehmen. Wir neigen dazu, unsere Kameras herauszuholen, wenn wir tolle Dinge tun. Oder wenn wir finden: "Oh ja, was für eine tolle Party, lass mich ein Foto machen." Aber wir machen das selten, wenn wir einen wirklich schlechten Tag haben und etwas Schreckliches passiert. Und mir ist klar geworden, dass es sehr, sehr wichtig gewesen ist, diese eine Sekunde in einem schlechten Moment aufzunehmen. Es hilft dir wirklich, die guten Zeiten besser schätzen zu wissen. Es ist nicht immer ein guter Tag, also finde ich es wichtig, sich auch an die schlechten Tage zu erinnern, genauso wichtig wie es ist, sich an die [guten] Tage zu erinnern.

6:08 Also eine Sache, die ich nicht tue: Ich benutze keine Filter, Ich benutze nichts – ich versuche, den Moment einzufangen, so gut wie möglich, so wie ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Ich habe mir selber die Regel der Ich-Perspektive gesetzt. Am Anfang hatte ich glaube ich ein paar Videos, in denen man mich sehen konnte, aber dann wurde mir klar, dass ich das so nicht weiter machen würde. Die Methode, um mich an das, was ich gesehen hatte wirklich zu erinnern, war, es so aufzunehmen, wie ich es wirklich gesehen hatte.

6:43 Ein paar Dinge, die ich zu diesem Projekt noch in meinem Kopf hatte, sind: Wäre es nicht interessant, wenn das tausende Leute tun würden? Ich bin letzte Woche 31 geworden: genau hier. Ich glaube, es wäre interessant, zu sehen, was jeder mit einem solchen Projekt machen würde. Ich glaube, jeder würde es anders interpretieren. Ich glaube, jeder würde davon profitieren, wenn er diese Sekunde hätte, um sich an jeden Tag zu erinnern. Ich persönlich bin es leid, zu vergessen, und es ist wirklich leicht, das zu tun. Ich meine, wir haben alle HD-fähige Kameras in unseren Taschen, jetzt gerade – ich wette, die meisten Leute in diesem Raum und das ist etwas, dass – Ich will keinen Tag vergessen, den ich gelebt habe, und das ist meine Art, das zu tun und es wäre auch wirklich interessant, wenn man einfach auf einer Website "18. Juni 2018" eingeben könnte und dann eine Flut Leben verschiedener Menschen an diesem bestimmten Tag aus aller Welt sehen würde.

7:38 Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass es viele Möglichkeiten für dieses Projekt gibt, und ich ermutige Sie dazu, einfach nur einen kleinen Schnipsel Ihres Lebens an jedem Tag aufzunehmen, damit Sie diesen Tag, den Sie gelebt haben, nie vergessen werden.

7:47 Danke schön.

7:49 (Applaus)