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Translated by Nadine Hennig
Reviewed by P Hakenberg

0:11 Also ich arbeite mit autistischen Kindern. Ich stelle Technologien her, um ihnen beim Kommunizieren zu helfen.

0:18 Viele Probleme von Kindern mit Autismus haben einen gemeinsamen Ursprung, denn ihnen allen fällt es schwer, Abstraktion und Symbolik zu verstehen. Dadurch haben sie sehr viele Schwierigkeiten mit Sprache.

0:35 Lassen Sie mich Ihnen erklären, warum das so ist. Das ist ein Bild einer Schüssel mit Suppe darin. Alle von uns können das sehen und verstehen. Das hier sind zwei andere Bilder von Suppe, aber Sie sehen schon, dass diese abstrakter sind. Sie sind nicht so konkret. Und dann wird Sprache daraus, es wird zu einem Wort, dessen Aussehen und Aussprache nichts mit dem zu tun hat, was es am Anfang war, oder was es darstellt, nämlich die Schüssel Suppe. Es ist also etwas völlig Abstraktes, eine völlig beliebige Darstellung eines realen Gegenstandes, und das ist etwas, womit autistische Kinder eine Menge Schwierigkeiten haben. Deshalb versuchen Leute, die mit autistischen Kindern arbeiten -- Sprachtherapeuten, Lehrer -- ihnen beim Kommunizieren zu helfen. Nicht mit Wörtern, sondern mit Bildern. Wenn ein autistisches Kind also sagen wollte: "Ich will Suppe", würde es 3 verschiedene Bilder in die Hand nehmen: "Ich", "will" und "Suppe". Es würde diese zusammen hochhalten und dann verstehen Therapeut oder die Eltern, was das Kind sagen will. Das ist unglaublich effektiv. Seit den letzten 30, 40 Jahren wird das so gemacht. Vor einigen Jahren habe ich sogar eine App für das iPad entwickelt, die genau das macht. Sie heißt Avaz. Sie funktioniert so, dass Kinder verschiedene Bilder auswählen. Diese Bilder werden aneinander gereiht, um Sätze zu bilden, und diese Sätze werden dann ausgesprochen. Avaz wandelt also Bilder um, sie ist ein Übersetzer, sie wandelt Bilder in Sprache um.

2:05 Das war sehr effektiv. Tausende von Kindern auf der ganzen Welt nutzen sie, und ich begann darüber nachzudenken, was sie kann und was sie nicht kann. Dabei wurde mir etwas Interessantes bewusst: Avaz hilft autistischen Kindern, Wörter zu lernen. Aber sie hilft Ihnen nicht dabei, Satzstrukturen zu lernen. Lassen Sie mich das genauer erklären. Nehmen wir den Satz: "Heute Abend will ich Suppe." Es sind nicht nur die Wörter, die die Bedeutung übermitteln, sondern auch die Art und Weise, wie sie angeordnet sind, also die Art, wie sie angepasst und angeordnet sind. Deshalb ist ein Satz wie "Heute Abend will ich Suppe." nicht das Gleiche wie der Satz: "Heute Suppe Abend ich will.", der absolut keinen Sinn ergibt. Hier ist also eine weitere versteckte Abstraktion, mit der autistische Kinder schwer umgehen können, denn Tatsache ist, dass man Wörter verändern und sie so anordnen kann, dass sie verschiedene Bedeutungen haben, unterschiedliche Gedanken übermitteln. Das bezeichnen wir als Grammatik. Grammatik ist unglaublich mächtig, da Grammatik diese eine Komponente der Sprache ist, mit der wir unser begrenztes Vokabular zur Übermittlung einer unendlichen Menge von Informationen nutzen können, also eine unendliche Menge von Gedanken. Man stellt also Dinge zusammen, um alles das, was man will, zu übermitteln.

3:25 Nachdem ich also Avaz entwickelt hatte, grübelte ich sehr lange darüber nach, wie ich autistischen Kindern Grammatik beibringen könnte. Die Lösung kam mir bei einer sehr interessanten Beobachtung. Ich war zufällig dabei, als sich ein autistisches Kind mit seiner Mutter unterhielt, und dabei geschah Folgendes. Völlig unerwartet, ganz spontan stand das Kind auf und sagte: "Essen." Das Interessante daran war, auf welche Art und Weise die Mutter versuchte herauszubekommen, was das Kind sagen wollte, indem sie nämlich Fragen stellte. Sie fragte: "Was essen? Willst du Eis essen? Willst du essen? Will jemand anderes essen? Willst du jetzt Eis essen? Willst du heute Abend Eis essen?" Dabei wurde mir schlagartig bewusst, dass die Mutter etwas Unglaubliches getan hatte. Sie hatte dem Kind geholfen, ihr ohne Grammatik einen Gedanken mitzuteilen. Und da wurde mir bewusst, dass es das war, wonach ich suchte. Anstatt die Wörter in einer Reihenfolge anzuordnen, als einen Satz, ordnet man sie in dieser "Karte" an, auf der sie alle miteinander verbunden sind; man ordnet sie nicht eines nach dem anderen an, sondern in Fragen, in Frage-Antwort-Paaren. Wenn man das macht, übermittelt man keinen Satz auf Englisch, sondern man übermittelt eine Bedeutung, die Bedeutung des Satzes in Englisch. Eigentlich ist die Bedeutung die Grundlage der Sprache. Sie kommt nach dem Gedanken, aber noch vor dem Aussprechen. Und die Idee hinter dieser besonderen Darstellung ist, dass sie Bedeutung in ihrer reinen Form übermitteln könnte.

4:56 Ich war so begeistert davon, dass ich Freudensprünge machte. Dann versuchte ich herauszufinden, ob alle Sätze, die ich höre, auf diese Weise umformen kann. Ich fand heraus, dass das nicht ausreicht. Warum reicht das nicht aus? Es ist zum Beispiel nicht genug, wenn man Verneinung ausdrücken möchte, und man sagen will: "Ich will keine Suppe". Man kann dies nicht tun, indem man eine Frage stellt. Man macht das durch die Beugung des Verbs "wollen". Auch wenn man sagen möchte: "Gestern wollte ich Suppe", wandelt man das Wort "will" in "wollte" um. Das ist die Vergangenheitsform. Diese Funktion habe ich noch hinzugefügt, um das System zu vervollständigen. Dies ist eine Karte mit verbundenen Wörtern als Fragen und Antworten, und darüber sind Filter, um sie zu verändern, um bestimmte Nuancen darzustellen. Ich zeige es Ihnen an einem anderen Beispiel.

5:40 Nehmen wir einmal diesen Satz. "Ich sagte dem Handwerker, dass ich ihn nicht bezahlen könne." Das ist ein recht komplizierter Satz. Dieses besondere System funktioniert so, dass man mit jedem beliebigen Teil des Satzes beginnen kann. Ich fange mit dem Verb "sagen" an. Das ist das Verb "sagen". Da dies in der Vergangenheit passiert ist, mache ich daraus "sagte". Und jetzt stelle ich Fragen: Wer sagte? Ich sagte. Wem sagte ich es? Ich sagte es dem Handwerker. Jetzt fangen wir in einem anderen Teil an. Wir beginnen mit dem Verb "bezahlen" und fügen den "Modalverb-Filter" hinzu und machen "bezahlen können" daraus. Dann machen wir es zu "nicht bezahlen können" und dann "nicht bezahlen konnten", durch den "Vergangenheitsfilter". Wer konnte nicht bezahlen? Ich konnte nicht bezahlen. Wen konnte ich nicht bezahlen? Den Handwerker. Und dann verbindet man diese zwei Teile und fragt: "Was sagte ich dem Handwerker?" "Ich sagte dem Handwerker, dass ich ihn nicht bezahlen könne." [Konjunktiv > indirekte Rede]

6:32 Denken Sie darüber nach. (Applaus) Das ist eine Darstellung dieses Satzes ohne die Verwendung von Sprache. Ich möchte noch auf zwei, drei interessante Dinge hinweisen. Zum einen hätte ich überall anfangen können. Ich hätte nicht beim Verb "sagen" anfangen müssen. Ich hätte überall im Satz anfangen können und mir wäre es trotzdem gelungen. Zweitens, wenn ich nicht Englisch sprechen würde, sondern eine andere Sprache, würde dieses Prinzip genauso gelten. Solange es Standardfragen sind, ist dieses Prinzip nicht von Sprache abhängig. Ich nenne es "FreeSpeech" (etwa "sprachfrei") und ich habe viele Monate mit diesem Spiel verbracht. Ich habe viele verschiedene Kombinationen ausprobiert.

7:16 Dabei fiel mir etwas Interessantes an FreeSpeech auf. Ich versuchte Sprache umzuformen, englische Sätze in FreeSpeech-Sätze umzuwandeln und umgekehrt, vor und zurück. Mir wurde klar, dass durch diese besondere Konfiguration, diese besondere Art und Weise, Sprache darzustellen, tatsächlich sehr konkrete Regeln zwischen FreeSpeech und Englisch existieren. So konnte ich dieses Regelwerk erstellen, in dem von dieser besonderen Darstellung ins Englische übersetzt wird. Also entwickelte ich die "FreeSpeech Engine", [dt. Maschine] die jeden Satz in FreeSpeech aufnimmt und einen grammatisch korrekten Satz auf Englisch wiedergibt. Durch die Kombination dieser zwei Dinge, der Darstellung und der Maschine, konnte ich eine App konstruieren, eine Technologie für autistische Kinder, wodurch sie nicht nur Wörter lernen, sondern auch Grammatik.

8:08 Ich habe das mit autistischen Kindern ausprobiert, und ich fand, dass es sehr gut angekommen ist. Sie konnten Sätze in FreeSpeech bilden, die viel komplizierter, aber viel effektiver waren, als äquivalente Sätze auf Englisch, und ich begann darüber nachzudenken, woran das lag. Mir kam etwas in den Sinn und darüber möchte ich jetzt sprechen. 1997, also vor ungefähr 15 Jahren, versuchte eine Gruppe von Forschern zu verstehen, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird, und sie entdeckten etwas sehr Interessantes. Sie fanden heraus, wenn man als Kind, als 2-jähriges Kind, eine Sprache lernt, dann lernt man sie mit einem bestimmten Teil des Gehirns. Wenn Erwachsene eine Sprache lernen -- wenn ich jetzt zum Beispiel Japanisch lernen wollte -- nutzen sie einen völlig anderen Teil des Gehirns. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber ich schätze es ist so: Wenn man als Erwachsener eine Sprache lernt, verwendet man immer die Muttersprache oder die erste Fremdsprache als Grundlage. Das ist das Interessante an FreeSpeech. Wenn sie einen Satz bilden oder sich artikulieren, bilden autistische Kinder Sätze mit FreeSpeech, ohne eine "Hilfssprache" zu benutzen. Sie verwenden keine "Brückensprache". Sie bilden den Satz direkt.

9:25 Das brachte mich auf eine Idee. Ist es vielleicht möglich, dass nicht nur autistische Kinder FreeSpeech verwenden, sondern auch Menschen ohne Behinderungen? Ich führte mehrere Experimente durch. Als Erstes entwarf ich dieses Puzzle, in dem sich diese Fragen und Antworten durch Formen und Farben unterscheiden, und die Leute müssen sie zusammensetzen und versuchen zu verstehen, wie es funktioniert. Also konstruierte ich eine App, ein Spiel daraus, in dem Kinder mit Wörtern spielen können und mit Aussprache, die Aussprache der angezeigten Bilder, und so lernen sie die Sprache. Da diese App großes Potential hat und vielversprechend ist, hat die indische Regierung unsere Technologie vor Kurzem lizensiert. Damit versuchen sie jetzt Millionen von Kindern Englisch beizubringen. Der Traum, die Hoffnung und die Vision ist es, dass sie Englisch auf solche Art und Weise lernen, dass sie die Sprache genauso gut wie ihre Muttersprache beherrschen.

10:26 Reden wir über etwas anderes. Reden wir über das Sprechen. So sieht das Sprechen aus. Das Sprechen ist unser vorherrschender Kommunikationsmodus. Das Interessante am Sprechen ist, dass es eindimensional ist. Warum ist es eindimensional? Es ist eindimensional, weil es Schall ist. Es ist auch eindimensional, weil unser Mund so gebaut ist. Unser Mund ist so konstruiert, um einen eindimensionalen Klang zu erzeugen. Wenn Sie jedoch an das Gehirn denken... Die Gedanken in unserem Kopf sind nicht eindimensional. Wir haben diese reichen, komplexen, mehrdimensionalen Gedanken. Ich glaube, dass die Sprache eigentlich die Erfindung des Gehirns ist, um diese reichen, mehrdimensionalen Gedanken zu artikulieren. Interessant ist, dass wir heutzutage viel mit Informationen und Daten hantieren, und dass fast alles davon im Bereich der Sprache geschieht. Nehmen wir zum Beispiel Google. Google durchkämmt all diese zahllosen Webseiten, die alle auf Englisch sind, und will man Google nutzen, gibt man bei Google ein Wort auf Englisch ein und es gleicht Englisch mit Englisch ab. Was wäre, wenn wir das in FreeSpeech machen könnten? Ich glaube, wenn wir das tun, würden wir feststellen, dass die Such-Algorithmen, das Abrufen etc. viel einfacher und effektiver sind, da keine Sprachstruktur verarbeitet werden muss. Stattdessen wird die Gedankenstruktur verarbeitet. Die Gedankenstruktur. Das ist ein herausfordernder Gedanke.

12:01 Lassen Sie mich das näher erklären. Das ist das FreeSpeech-System. Die Darstellung in FreeSpeech auf der einen Seite, und auf der anderen die FreeSpeech-Engine, die Englisch wiedergibt. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, ist FreeSpeech völlig unabhängig von Sprache. Das System enthält keine spezifische Informationen in Bezug auf Englisch. Alles, was dieses System über Englisch weiß, ist in der Engine kodiert. Das ist schon an sich ein recht interessantes Konzept: eine vollständige, menschliche Sprache in einer Software kodiert. Aber schaut man in die Engine hinein, dann ist sie eigentlich nicht sehr kompliziert. Es ist kein komplizierter Code. Noch interessanter ist die Tatsache, dass der größte Teil des Engine-Codes nicht spezifisch für Englisch ist. Ein interessanter Gedanke: Es könnte sehr einfach für uns sein, diese Engines in vielen verschiedenen Sprachen, wie Hindi, Französisch, Deutsch, Swahili etc. zu entwickeln. Und das bringt mich auf einen weiteren Gedanken. Stellen Sie sich vor, ich würde für eine Zeitung oder eine Zeitschrift schreiben. Ich könnte den Inhalt in einer Sprache, FreeSpeech, entwerfen, und die Person, die diesen Inhalt nutzt, die diese bestimmte Information liest, könnte sich eine x-beliebige Engine aussuchen und das Ganze in ihrer eigenen Sprache, in ihrer Muttersprache lesen. Das ist ein wirklich reizvoller Gedanke, besonders für Indien. Wir haben so viele verschiedene Sprachen. Es gibt ein Lied über Indien und darin wird das Land wie folgt beschrieben: (Sanskrit). Das bedeutet in etwa : "Stets lächelnder Sprecher schöner Sprachen."

13:50 Sprache ist schön. Sie ist das Schönste, was der Mensch je geschaffen hat. Sie ist das Herrlichste, das unser Gehirn erfunden hat. Sie unterhält, sie bildet, sie klärt auf -- und für mich ist das Besondere an Sprache, dass sie stärkt. Ich möchte Ihnen Folgendes mitgeben. Das ist ein Bild meiner Mitarbeiter, der ersten Mitarbeiter, als ich anfing, mich mit Sprache, Autismus und Anderem zu beschäftigen. Das Mädchen heißt Pavna und daneben ist ihre Mutter, Kalpana. Pavna ist Unternehmerin, aber ihre Geschichte ist noch viel ungewöhnlicher als meine, weil Pavna erst 23 ist. Sie hat tetraplegische Zerebralparese, das heißt, dass sie von Geburt an sich weder bewegen noch sprechen konnte. Alles, was sie bis jetzt erreicht hat, Schulabschluss, College, die Gründung eines Unternehmens unsere Zusammenarbeit zur Entwicklung von Avaz, all dies hat sie geschafft, indem sie nur ihre Augen bewegt hat. Daniel Webster sagte Folgendes: "Würden mir all meine Besitztümer genommen werden, mit einer Ausnahme, dann behielte ich die Macht der Kommunikation, denn damit würde ich alles andere wieder zurück gewinnen." Daher sind all diese unglaublichen Anwendungen von FreeSpeech... Die, die mir am Wichtigsten ist, bleibt weiterhin, Kinder mit Behinderungen damit stärker zu machen, so dass sie kommunizieren können, die Macht der Kommunikation, um sich den Rest dann auch noch zurückzuholen.

15:20 Vielen Dank. (Applaus) Danke schön. (Applaus) Danke. Danke. Danke. (Applaus) Danke. Danke. Danke. (Applaus)